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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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AUF DER NEWA

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erst zur Gräfin Beauliarnais, dann zur Herzogin mit dem PrädikatDurch-laucht erhoben worden. Zeneide, allgemein Sina genannt, war strahlendschön. Der Großfürst Alexei Alexandrowitsch , der dritte Sohn desKaisers Alexander II., huldigte ihr ohne jede falsche Scheu. Er dachte mitdem französischen Sprichwort: il y a de la gene il ny a pas de plaisir.

Wenn er mit Sina am Arm durch die Säle des Winterpalais schritt, pflegteSchweinitz lächelnd zu sagen:Diese Unbefangenheit erfreut meinreaktionäres Herz, denn sie erinnert an die schöne Zeit von Ludwig XIV. und August dem Starken. Alexei und Eugen waren eifrige Besucher desJachtklubs, wo auch ich häufig eine Partie Ecarte spielte. Es kam vor, daßbei der zwischen ihnen herrschenden Gütergemeinschaft Eugen im Klubmit der Admiralsmütze von Alexei erschien und Alexei mit der Infanterie-mütze von Eugen. Sina aber seufzte, als eine Freundin sie auf ihr an-gegriffenes Aussehen anredete:Que voulez-vous, ma chere? Je suis aimeepar deux hercules. Großfürst Alexei und sein Vetter Eugen Leuchtenbergwaren beide ungewöhnlich stattliche Erscheinungen.

Wir pflegten uns für unsere nächtlichen Sommerfahrten auf der Newa um Mitternacht einzuschiflen. Die Fahrt auf dem majestätischen, klar undsanft fließenden Strom führte uns durch Inseln und Inselchen. Gegen dreiUhr landeten wir auf irgendeinem Eiland. Der mitgenommene Proviant,alle Leckerbissen der russischenSakuska (Vorspeise bei einem Diner)wurden aufgetischt. Kam die Morgenkälte, so wurde ein Feuer aus raschzusammengetragenen Zweigen angezündet, an dem wir uns wärmten.

Bisweilen wurden auch Sänger mitgenommen, die über die Wassermelodische, melancholische Volkslieder ertönen ließen. Vor sechs Uhr w r arich selten wieder zu Hause, aber um elf Uhr erschien ich pünktlich auf derBotschaftskanzlei, um meinen Dienst zu tun, während meine russischenFreunde und Freundinnen bis nachmittags in den Federn blieben.Einerder größten Reize des Lebens besteht darin, daß man aus der Nacht denTag und aus dem Tag die Nacht macht, pflegte Missy Dumow zu sagen.

Tout plutöt, que la monotonie, laffreuse regle.

Und so ging der Sommer vorüber, und es kam der Herbst. Meine Ge-danken weilten in Rom, bei der Gräfin Marie. Ihre Mutter hatte mir Die Annullie-geschrieben, daß Minghetti für den Ausgang des Annullationsverfahrens rurt g der Eheguten Mutes sei. Man habe einen Formfehler entdeckt, der bei dem DönhoffAbschluß der ersten Ehe der Gräfin Marie vorgekommen sei und der eineHandhabe für die Annullierung biete. Donna Laura hatte, von ihrer Tochterbegleitet, allen Kardinälen, in deren Händen die Entscheidung lag, einenBesuch abgestattet und war von denPorporati mit Güte und Liebens-würdigkeit empfangen worden. Einer der Herren, klein von Statur, hattemit gütigem Lächeln zu den Damen gesagt:Ma, Signore mie, perchd