POLITIK UND LIEBE
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ergriff bald ganz Deutsch-Österreich. In Deutschland trat namentlichdie demokratische und die klerikale Presse leidenschaftlich für denBattenberger ein. Mit derselben Gleichgültigkeit für die öffentliche Meinungund ebenso unbekümmert um sentimentale Regungen und selbst um völker-rechtliche und ethische Gesichtspunkte, wie er ein Vierteljahrhundertfrüher jedes Eintreten für die Polen gegen Rußland abgelehnt hatte, stelltesich Fürst Bismarck jetzt in der Bulgarischen Frage mit voller Entschieden- Bismarckheit auf die russische Seite. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ f lLr Bußlanderklärte offiziös, daß deutsche Interessen durch die bulgarischen Vorgängegar nicht berührt würden. Als die oppositionelle deutsche Presse fortfuhr,den Fürsten Alexander zu verherrlichen und ein wenigstens diplomatischesEintreten für ihn als eine sittliche Pflicht zu fordern, erklärte in einem vonBismarck selbst inspirierten Artikel das offiziöse Blatt unter heftigenpersönlichen Angriffen gegen Eugen Richter und Windthorst, daß diegenannten Parlamentarier und ihre Anhänger nicht die erforderliche Schärfedes Blicks besäßen, um auch nur die nächste Zukunft prognostizieren zukönnen. Kein einigermaßen durch theoretisches Studium der Geschichteoder durch praktische Beschäftigung mit Politik gebildeter deutscher Staatsbürger könne im Zweifel darüber sein, welche eminenten Gefahrenauf dem Wege lägen, den Demokraten und Klerikale unserer Politik vor-zeichnen wollten. Es hieß in dieser Bismarckschen Auslassung wörtlich:
„Zentrum und Demokratie predigen den Krieg, und zwar einen Krieg,schrecklicher und blutiger, als alle bisherigen Kriege gewesen sind.“
Die schroffe Haltung des Fürsten Bismarck gegenüber der „Batten-bergerei“, wie er diese mebr aus Gefühlsmomenten als aus politischer Ein-sicht hervorgegangene Bewegung verächtlich nannte, wurde verstärktdurch den Argwohn, daß es sich im letzten Ende um eine englischeIntrige handele, zu dem Zweck, uns mit Rußland zu entzweien. Wie FürstBismarck per omnia discrimina rerum in einem guten Verhältnis zu Rußland immer die sicherste Rückendeckung für Deutschland erblickt hat, so war erauch stets davon überzeugt, daß die englische Politik Deutschland undRußland untereinander verhetzen und jedenfalls auseinanderhalten wolle.
Bismarck fand das vom englischen Standpunkt aus ganz begreiflich. Erwünschte aber nicht, daß wir in diese Falle gingen. Die Bulgarische Fragewurde durch eine Liebelei kompliziert, hinter der Bismarck nicht mitUnrecht eine englische Intrige witterte. Die dritte Tochter des deutschen Kronprinzen, die damals zwanzigjährige Prinzessin Viktoria, hatte sichin den Helden von Slivnica verliebt. Die erste Begegnung zwischen denbeiden war von dem Onkel der Prinzessin, dem Prinzen von Wales , herbei-geführt worden. Unter seinen väterlichen Augen hatten Alexander undViktoria Verlobungsringe ausgetauscht. Es war dem Prinzen von Wales