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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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IN EINEM STERBEZIMMER

Am Bett desKaisersFriedrich

alten Kaisers zum Abendessen gebeten, damit wir diesen wehmütigen Tagmit ihnen verlebten, von denen wir wüßten, mit wie treuer und ehrer-bietiger Liebe sie an ihrem Großonkel gehangen hätten. Eine nicht geringeAnzahl russische Damen gaben mir vor meiner Abreise Briefe mit, die ichjenseits der Grenze in den Briefkasten stecken sollte. Sie waren alle nachGenf und Bern adressiert. Ich möchte annehmen, daß manche dieser Briefefür die Vorläufer jener Exulanten bestimmt waren, die dreißig Jahre späterdie Macht in Rußland an sich rissen.

In Berlin galt der erste Gang meiner Frau der Kaiserin Friedrich .Sie fand die arme Kaiserin in Tränen, in Verzweiflung. Sie hatte endlichverstanden, daß ihr Mann verloren war. Ihre Unpopularität, die ihr vonallen Seiten und zum Teil in brutaler, häßlicher Form fühlbar gemachtwurde, erhöhte den Schmerz um das tragische Geschick ihres Gemahls.Ich glaube, daß wenige Frauen gelitten haben, was die Kaiserin Friedrich in jenen neunundneunzig Tagen gelitten hat. Sie führte meine Frau an dasBett des Kaisers. Meine Frau kniete vor dem Bett nieder und küßte dieHand des Kaisers. Dieser wies mit seiner anderen Hand und mit einemunbeschreiblich rührenden Blick nach oben, dahin, wo es kein Leid mehrgibt und alle Tränen getrocknet werden. Mit kaum verständlicher Stimmeflüsterte er einige Worte, die die Kaiserin meiner Frau dahin erläuterte, ihrGemahl habe sich gefreut, meine Ernennung nach Bukarest zu vollziehen.Als meine Frau ging, legte der Kaiser segnend seine Hand auf ihren Kopf,indem er nochmals nach oben wies. Als die Kaiserin mit meiner Frau dasKrankenzimmer verließ, brach sie im Nebenzimmer in konvulsivischesSchluchzen aus. Eine starke Natur, wie sie war, wollte sie ihre innere Ver-zweiflung nicht ihrem Gemahl zeigen, um ihn nicht noch mehr zu betrüben.Die Kaiserin stellte selbst meine Frau ihrer Mutter, der Königin Victoria ,vor, die kurz vorher in Charlottenburg eingetroffen war. Die Königinsprach über das Leid ihrer ältesten Tochter und ihres von ihr sehr geliebtenSchwiegersohnes mit echtem Gefühl, einfach und ganz menschlich. MeineFrau hat diese Stunde im Sterbezimmer des Kaisers Friedrich als dieergreifendste ihres Lebens in unauslöschlicher Erinnerung behalten.

Wenn die Königin Victoria sich bei dem rein familiären Charakter ihresBerliner Aufenthalts auch von allen offiziellen Begegnungen zurückhielt,so ließ sie sich doch die Gelegenheit nicht entgehen, den Fürsten Bismarck zu sehen. Sie hatte sich für ihn von jeher interessiert und ihre Vertreter inBerlin oft gefragt:What does Prince Bismarck think about me? Dergroße Seelenfänger Bismarck behandelte die Königin eines Weltreichs ganzso, wie der gleich feine Psychologe Disraeli sie behandelt hatte, nämlich alsFrau, deren hohen Eigenschaften und Tugenden, deren Geist und Charmejeder huldigen müsse, der ihr nahen dürfe. Nach der Audienz des Reichs-