XLVIII. KAPITEL
Reise nach Sizilien • Fürst Paolo Camporeale • Altavilla • Donna Laura MinghettiMalwida von Meysenbug • Das Abessinische Abenteuer ■ Crispis Sturz, Marchese Rudini
I m Herbst 1891 verbrachte ich einige Wochen bei meinem SchwagerPaolo Camporeale in Palermo , einer Stadt, die ich liebe, schon weil inihrem Dom zwei große deutsche Kaiser beigesetzt sind, die HohenstaufenHeinrich VI. und Friedrich II. Sie ruhen in Sarkophagen aus rotbraunemPorphyr: neben seinem gewalttätigen, aber gewaltigen Vater, dem KaiserHeinrich VI., der genialste der Hohenstaufen, Kaiser Friedrich II. Er liegtim Dom seiner Lieblingsstadt, in sarazenische Gewänder gehüllt, nebenihm das steile deutsche Kaiserschwert und der Reichsapfel, der die Weltbedeutete. Die Inschrift auf seinem Grabmal lautet: ,,Hic situs est ille magninominis Imperator et Rex Siciliae Fridericus II. Obiit Fiorentini in Apuliaidibus decembris anno MCCL.“ Friedrich II. starb in Fiorentino in Apulien am 13. Dezember 1250, noch nicht 56 Jahre alt.
Der Fürst Paolo Camporeale a. d. H. Beccadelli di Bologna war einOriginal, ein Charakter und ein Herr. Er unterschied sich von den meistenPolitikern, nicht nur in Italien, dadurch, daß er anfangs als Deputierter,später als Senator den im Amt befindlichen Ministern zu opponieren liebte,die gefallenen aber in Schutz nahm. So war er das Gegenteil von einemOpportunisten. Seine Charakterstärke sollte er auch 1915 beweisen, woer als einziges Mitglied des italienischen Parlaments gegen den Kriegstimmte. Er hat in seinem Leben Enttäuschungen gehabt. Wie manchemtüchtigen Mann, war ihm Fortuna nicht hold. Aber er hat vor seinemwährend des Weltkrieges erfolgten Tode die große Freude gehabt, daßseine einzige, herzensgute und reizende Tochter Anna sich mit dem treff-lichen Fürsten Filiberto Castelcicala, dem ältesten Sohn des Herzogs vonCalvello, verlobte, mit dem sie jetzt in glücklichster Ehe, von Sympathienund Achtung umgeben, in ihrer vom Vater ererbten schönen Villa inPalermo lebt. Mein Schwager führte mich zu dem der heiligen Rosalia, derSchutzpatronin von Palermo, geweihten Dom, an dessen Gewölbe dasWappen der Camporeale hängt. Er führte mich zur Zisa. Ursprünglich einsarazenisches Lustschloß, diente sie später dem König Wilhelm I. von