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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE VEREHRERIN ORSINIS

Napoleon III.und seineKusine

Malwida vonMeysenbug

vor seiner Abreise in das französische Hauptquartier bei seiner Kusine, umvon ihr Abschied zu nehmen. Sie empfing den Kaiser in Gegenwart ihrerFreundin Donna Laura. Der Kaiser machte den Eindruck eines kranken,ja schwerkranken, ganz gebrochenen Mannes. Seine Kusine Mathilde sagtezu ihm unter Anspielung auf zwei bekannte französische Lieder, die von derKönigin Hortense verfaßte offizielle Hymne des zweiten Kaiserreichs undeinen alten Gassenhauer aus der Zeit des spanischen Erbfolgekrieges:Mon cousin, vous ne me rappellez guere Dunois jeune et beau qui avantde partir pour la Syrie allait prier Marie de benir ses exploits. Vous merappellez plutöt ce pauvre Marlborough qui sen allait en guerre. DerKaiser reagierte nicht auf diese fast brutalen Worte seiner Kusine. Er sahtrübe vor sich hin. Donna Laura fühlte, daß Napoleon III. den altenGlauben an seinen Stern verloren hatte. Als sie mir diese kleine Szeneerzählte, fügte sie hinzu:LEmpereur sentait quil allait au devant dunecatastrophe.

Ganz andere Wege als Donna Laura war Malwida von Meysenbug gegangen. Die Tochter eines kurhessischen Ministers, der, was etwas sagenwill, vor 1848 für übertrieben reaktionär galt, hatte sie sich im Sturm-jahr 1848 der revolutionären Bewegung angeschlossen und mußte nachderen Niederwerfung nach London flüchten, wo sie viele Jahre in freund-schaftlichem Verkehr mit Mazzini, Gottfried und Johanna Kinkel, LouisBlanc, Ledru-Rollin und anderen revolutionären Koryphäen im Exil ver-brachte. Lothar Bücher hat sie damals in die Nationalökonomie ein-geführt. Als der russische Revolutionär Alexander Herzen seine Frau beieinem Schiffsunglück verlor, widmete sie sich der Erziehung seiner Töchter,von denen die eine, Olga, den ausgezeichneten französischen GelehrtenGabriel Monod heiratete. Malwida bekannte sich politisch und religiös zuden allerfreisten Anschauungen. Sie erklärte den Attentäter Felice Orsini ,den sie im Exil gut gekannt hatte, für einen edlen Jüngling, Harmodiosund Aristogeiton, den Tyrannen-Mördern, vergleichbar, die in Athen ge-feiert und besungen wurden. Sie hat mir das inzwischen selten gewordeneBüchelchen geschenkt, in dem Orsini seine mit ungewöhnlicher Kühnheitausgeführte Flucht aus österreichischer Kerkerhaft in Mantua schildert.Das 1858 in Mastricht erschienene Buch führt den Titel:Les PrisonsAutrichiennes en Italie. Quinze mois de captivite, evasion du Fort Saint-George ä Mantoue. Felice Orsini beginnt die Schilderung seiner Fluchtaus dem Kerker von Mantua mit den Worten:Douze ans se sont ecoulesdepuis que, pour la premiere fois, jai encouru la vengeance des oppresseursde ma patrie, en leur montrant par mes discours et par mes actes que ledesir de soustraire lItalie ä leur joug etait le grand mobile de mon existence.Le peu de succes de mes efforts dans laccomplissement de cette täche ne