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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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GENERAL BARATIERI

Während meine Schwiegermutter regelmäßig bei mir auf der Terrassedes Palazzo Caffarelli, hat die damals schon fast achtzigjährige Malwidavon Meysenbug im Sommer 1896 ganz bei mir gewohnt. Wir waren fast denganzen Tag beieinander. Wir waren über viele, über sehr viele Dinge ver-schiedener Meinung. Das hat aber weder meiner tiefen Achtung vor ihrnoch unserer gegenseitigen Liebe Abbruch getan. In unseres himmlischenVaters Hause sind viele Wohnungen. Ich werde den mit meiner liebenMalwida verbrachten Sommer nie vergessen.

Crispi hatte sich als Ministerpräsident besonders für die EntwicklungItaliens Krieg der am Roten Meer zwischen Abessinien, der französischen Somali-KüstemitAbessimen un( J dem ägyptischen Sudan gelegenen Kolonie Erythräa interessiert. ZumFührer der dortigen Streitkräfte war auf seinen Vorschlag GeneralBaratieri ernannt worden, ein Trentiner Irredentist, der sich mehr durchlärmenden Chauvinismus als durch militärische Fähigkeiten auszeichnete.Anfänglich schien das Glück Baratieri hold zu sein. Er hatte im Sommer1894 Kassala, den Hauptstützpunkt der feindlichen Derwische, erobert undim Mai 1895 die Souveränität Italiens über Tigre proklamiert. Aber imHerbst 1895 griff König Menelik von Abessinien zu den Waffen, um dasihm lästig gewordene Schutzverhältnis zu Italien abzuschütteln. Nach an-fänglichen Mißerfolgen gelang es ihm, ein vorgeschobenes italienischesBataillon mit großer Übermacht zu überfallen und zu vernichten. Crispiwar entschlossen, diese Scharte sofort auszuwetzen. Die öffentliche Meinungstand noch auf seiner Seite, und das Parlament bewilligte mit großer Mehr-heit die verlangten Kriegskredite. Im Februar 1896 verschlimmerte sichjedoch die Lage der Italiener. Sie standen inmitten einer feindlichen Be-völkerung. Vor sich hatten sie das weit stärkere Heer der Abessinier, in derrechten Flanke wurden sie von den Derwischen bedroht. Die italienischeKriegsleitung plante einen Vorstoß über Zeila gegen Harrar, um dieAbessinier im Zentrum ihrer Macht zu treffen. Aber England, mit demkühlen Egoismus, der immer und überall seine Politik auszeichnete,zögerte, den ihm in Afrika damals nicht ganz bequemen Italienern die Er-laubnis zum notwendigen Vormarsch durch englisches Gebiet zu geben.In Rom wurde man unruhig. Crispi erkannte endlich die Unfähigkeit desbisher von ihm protegierten Baratieri und legte dem König ein Dekret vor,durch das der tüchtige General Baidissera zum Oberbefehlshaber deritalienischen Streitkräfte ernannt wurde. Gleichzeitig wurden weitere Ver-stärkungen nach Afrika entsandt. Im Gegensatz zu dem Irredentisten undChauvinisten Baratieri hatte Baidissera, der als österreichischer Untertanin Venedig geboren war, vor 1866 in der österreichischen Armee gedientund sich in der Schlacht von Custozza auf österreichischer Seite durchTapferkeit ausgezeichnet, ein Beweis dafür, daß es bei einem General mehr