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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE KATASTROPHE IN AFRIKA

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auf seine militärischen Fähigkeiten als auf seine politische Einstellung an-kommt. Unglücklicherweise erfuhr Baratieri durch eine Indiskretion vonder ihm bevorstehenden Abberufung. Er wollte vorher noch einen Sieg er-fechten und griff am 1. März 1896 bei Adua mit kaum fünfzehntausend Die SchlachtMann das weit überlegene Heer des Negus Menelik an. Persönlich zeigte er bei Aduasich brav, hielt in erster Linie im Feuer und zog sich unter den letztenzurück. Aber sein Heer wurde vollständig geschlagen. Zwei Generäle,

Dabormida und Arimondi, fanden tapfer kämpfend den Heldentod. AnToten und Verwundeten verlor das italienische Heer viertausend Mann.

Unter den Toten befand sich auch der junge Fürst Agostino Chigi, der einerstreng päpstlich gerichteten Familie angehörte, aus der Papst Alexander VII. hervorgegangen war und die seit zweihundert Jahren die Würde einesMarschalls der Heiligen Kirche und Hüters des Konklave bekleidet. Erhatte sich freiwillig für die Expedition gegen Menelik gemeldet, um zuzeigen, daß sich die sogenannten Schwarzen, die päpstlich Gesinnten, anitalienischem Patriotismus nicht von den Weißen, den königlich Ge-sinnten, übertreffen ließen.

Am 2. März 1896 erhielt der Minister des Äußern, der Baron Blanc, infrüher Stunde ein Telegramm, das mit den Worten begann:Immanedisastro! (Ungeheure Katastrophe!) Crispis Afrika-Politik war, seit Hiobs-botschaften aus Afrika eintrafen, mit zunehmender Schärfe kritisiertworden. Nun brach der Sturm los, und es erging dem Ministerpräsidenten,wie es meist Staatsmännern geht, die Mißerfolge haben. Parlament undPresse wälzten alle Schuld auf ihn oder rückten wenigstens von ihm ab.

Crispi reichte seine Entlassung ein. Ich wohnte in der Diplomatenloge derSitzung bei, in der Crispi der Kammer mitteilte, daß er seine Demissioneingereicht und daß der König sie angenommen habe. Hoch aufgerichtetstand der siebenundsiebzigjährige Premierminister vor dem Parlament.

Keine Miene zuckte in seinem scharfgeschnittenen, männlichen Gesicht.

Als bei der Verkündung der Demission in der Hof löge von einer demMinisterpräsidenten nicht wohlgesinnten PalastdameBravo gerufenwurde, warf er seiner Gegnerin einen Blick zu, der bewies, daß dieser alteFechter sich über Lob und Tadel des Tages ebenso erhaben fühlte wie überalle Launen der Mobilium turba Quiritium.

Wenige Tage später wurde ein neues Kabinett unter dem MarquisRudini gebildet. Auch Rudini war Sizilianer, aber während Crispi ein Das KabinettSohn des Volkes war, gehörte der Marchese Rudini einer der ältesten RudiniFamilien des Landes an. Auch Rudini war ein energischer Mann. Aber wennCrispi seine überströmende Energie durch Reden und Gesten nach außenin jeder Weise zum Ausdruck brachte, bewies Rudini seine Festigkeit undEntschlossenheit mehr durch Zähigkeit und Geduld. Er hat das Abessinische

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