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Rußland unprovoziert angegriffen würde. Der Artikel schloß: „Dieses Ein-verständnis ist nach dem Ausscheiden des Fürsten Bismarck nicht er-neuert worden, und wenn wir über die Vorgänge in Berlin richtig unter-richtet sind, so war es nicht etwa Rußland, sondern Deutschland war es,das die Fortsetzung dieser gegenseitigen Assekuranz ablehnte, währendRußland dazu bereit war. Wenn man dazu die gleichzeitige polonisierendeÄra, die durch die Namen Stablewski und Koscielski gekennzeichnet ist,politisch in Anschlag bringt, so wird man nicht zweifelhaft sein können,daß die russische Regierung sich fragen mußte: Welche Ziele kann dieserpreußische Polonismus haben, der mit den Traditionen Kaiser Wilhelms I.so flagrant im Widerspruch steht?“
Diese Auslassungen der „Hamburger Nachrichten“, die in jeder Wen-dung die Tatze des Löwen erkennen ließen, machten in Deutschland undin Europa sehr großes Aufsehen. Demokratische, klerikale und sozialistischeBlätter überhäuften den Alten im Sachsenwald mit wüsten Schmähungen.
Ein freisinniges Blatt meinte, Caprivi, der mit gelassener Ruhe von demleidenschaftlichen Urteil der Gegenwart an die Objektivität der Nachweltappelliere, stehe turmhoch über dem „aufgeregten Treiben des gealtertenHerrn aus dem Sachsenwald“. Das leitende Zentrumsblatt, die „Ger-mania“, behauptete, daß, von einigen unentwegten Trabanten des FürstenBismarck abgesehen, ganz Deutschland sein Vorgehen verdamme. KaiserWilhelm II. geriet in gewaltigen Zorn. Bei einem Besuch, den er demSchießplatz in Meppen und den Kruppschen Werken in Essen abstattete, Drohungenverkündete er laut und vor Zeugen, daß er Bismarck wegen Landes- und des KaisersHochverrats in Spandau einsperren lassen werde. Die Verbreitungdieser Drohungen durch die Presse wurde verhindert, sie fanden aber ihrenWeg nach Friedrichsruh. Fürst Bismarck ließ darauf in den „LeipzigerNeuesten Nachrichten“ erklären, er bedauere, daß, nachdem wir dreißigJahre im Aufschwung gewesen seien, die Sache jetzt rückwärts gehe. Erwerde ja das Ende nicht erleben, aber für seine Söhne tue es ihm leid. Zuder Drohung, daß ihm ein Prozeß gemacht werden würde, hatte der Fürstnach den „Leipziger Neuesten Nachrichten“ bemerkt, er habe gar nichtsdagegen, daß man seinem Leben einen dramatischen Abschluß gebe.
Im Reichstag wurde eine Interpellation über die Enthüllungen der„Hamburger Nachrichten“ eingebracht, die der Staatssekretär Marschall Reichstags-in dialektisch gewandter, sachlich schwächlicher und schwungloser Weise Interpellationbeantwortete. Der Abgeordnete Eugen Richter meinte, Bismarck habedurch seinen Rückversicherungsvertrag einen Vertrauensbruch gegenÖsterreich begangen und die deutsche Politik diskreditiert. Fürst Bismarck habe sich auch des Verrats von Staatsgeheimnissen schuldig gemacht, undnur mit Rücksicht auf sein hohes Alter und gewisse frühere Verdienste