228
Der junge (?clehrlc.
Chrys. Der wunderliche Heilige! Du bist aber nun schonso lange um ihn; solltest du nicht sein Gemüth, seine Art zudenken ein wenig kennen?
Anton. Ha! ha! das kömmt darauf hinaus, was wirGelehrten die Kenntniß der Gemüther nennen! Darinn binich Meister; bey meiner Ehre! Ich darf nur ein Wort mit ei-nem reden; ich darf ihn nur ansehen: husch habe ich den gan-zen Menschen weg! Ich weiß sogleich, ob er vernünftig, odereigensinnig, ob er freygebig, oder ein Knicker--
Chrys- Ich glaube gar, du zeigst auf mich?
Anton. O kehren Sie Sich an meine Hände nicht!--
Ob er---
Chrys. Du sollst deine Kunst gleich zeigen! Ich habe mei-nem Sohne eine Hcyrath vorgeschlagen: nun sage einmal, wenndu ihn kennst, was wird er thun?
Anton. Ihr Herr Sohn? Herr Damis? Verzeihen Siemir, bey dem geht meine Kunst, meine sonst so wohl versuchteKunst, betteln.
Thrys. Nu, Schurke, so geh mit, und prahle nicht!
Anron. Die Gemüthsart eines jungen Gelehrten kennenwollen, und etwas daraus schliesst» wollen, ist unmöglich; undwas unmöglich ist, Herr Chrysandcr--das ist unmöglich.
Thrvs. Und wie so?
Anton. Weil er gar keine hat.
Chrys. Gar keine?
Anton. Nein, nicht gar keine; sondern alle Augenblickeeine andre. Die Bücher, und die Exempel, die er liest, sinddie Winde, nach welchen sich der Wcttcrhahn seiner Gedankenrichtet. Nur bey dem Kapitel vom Hcyrathcn stehen zu bleiben,
weil das einmal auf dem Tapete ist, so besinne ich mich, daß--
Denn vor allen Dingen müssen Sie wissen, daß Herr Damisnie etwas vor mir verborgen hat. Zch bin von je her seinVertrauter gewesen, und von je her der, mit dem er sich im-mer am liebsten abgegeben hat. Ganze Tage, ganze Nachtehaben wir manchmal auf der Universität mit einander disputirt.Und ich weiß nicht, er muß doch so etwas an mir finden;etwa eine Eigenschaft, die er an andern nicht findet —