wurde ihr das hohe Gliick, diesen geliebten Sohn vonreinem Herzen und voll hoher Bildung wieder in ihreArme schließen zu können.

Garve lebte nun eine Zeitlang der Müsse und denWissenschaften ruhig im älterlichen Hause, lehnte sehrdankbar das ihm wiederholt von Geliert angetrageneGlück, Hofincisterstellen anzunehmen, ab, und wichsogar der Anstellung an einem Gymnasium zu Breslau aus, weil die künftige Collegenschaft ihm nicht zusagteund er Furcht hatte vor dem unvermeidlichen Schul-zopf. Dagegen war er schriftstellerisch thätig und bliebmit Leipzig und den dortigen Freunden in dauernderVerbindung. Diese Freunde wünschten ihn lebhaftwieder in ihre Nähe, und Gellert sah allen Ernstesund mit prophetischem Geist in Garve seinen zukünf-tigen Nachfolger.

Und wirklich erfolgte, was Gellert geahnet, nurnicht auf lange und nicht mit dem gehofften Erfolg.Garve wurde noch vor Gellert s Tode 1768 außerordent-licher Professor der Philosophie zu Leipzig , wo er überreine Mathematik, Logik, die Schriften Eicero's u. s. w.einige Jahre hindurch Vorlesungen hielt, bis Kränk-lichkeit ihn bewog, sein Amt niederzulegen und 1772wieder nach Breslau und zur Mutter zurückzukehren.Garve litt an Hypochondrie, dieser Vcrgifterin allenLcbensfrohsinnes und allen LcbensglückeS; gleichwohlhielt dies Leiden ihn nicht ab, fort und fort geistigthätig zu sein, auch stimmte es ihn nicht feindseliggegen Welt und Menschen, sondern er bewahrte mitächt philosophischem Sinne die liebenswürdige Seiteseines Wesens für die Menschheit und hielt sein Herzden Gefühlen der Freundschaft offen.

Was Garve schrieb, war klar und lichtvoll; erübersetzte mehr, als daß er eigenes gab, philosophischeSchriften des Auslandes in die deutsche Sprache, aberdurch die logische Klarheit und Ordnung seiner Ge-dankenreihcn und durch erläuternde Zusätze aus demO-ucll des eigenen reichen Geistes machte er die fremdenSchriften gleichsam deutsch und zum vaterländischenNationalgut. Garve's eigene philosophische Abhand-lungen erschienen 1776 gesammelt, außerdem übersetzteer Aristoteles Politik und Ethik; Burkc: Ueber dasSchöne und Erhabene; Ferguson's Moralphilosophie;Gcrard: Versuch über das Genie; Pagley: Grund-

sätze der Moral und Politik unv machte sich durchalle diese Arbeiten einen rühmlichen Namen.

Von Leipzig in die Heimath zurückgekehrt, schloßGarve ein inniges Freundschastsverhältniß mit demhochbegabten katholischen Probst Bastiani und einemHerrn von Paczensky von Tcnczin, von denen derletztere ihn liebevoll pflegte, bis er selbst Garve's Leidensgcnosse ward und noch vor ihm, und wiederumtreu von Garve gepflegt, 1792 an Nervenschwächestarb. Durch diese Freunde wurde Garve Friedrichdem Großen bekannt, der während des Teschncr Frie-densschlusses längere Zeit in Breslau weilte und mitdem noch jungen Philosophen mehrere Unterredungenhatte, welche auf Garve lebhaften und nachhaltigenEindruck machten. Der König forderte diesen auf,Cieero's Schrift von den Pflichten zu übersetzen undmit eigenen philosophischen Anmerkungen zu versehen,und Garve begann, nicht ganz ohne zagen, diese Ar-beit, die ihm viele Anstrengung gekostet zu haben scheint,denn erst 1783 kam die Uebcrsetzung zur Erscheinungund wurde dem großen Könige zugeeignet. Erst etwasmühsam, dann aber rasch brach Garve's Werk sichBahn, der Autor selbst erlebte noch mehrere Auflagenund der Beifall der Kenner war ein ungetheilter.

Leider sank mit dem wachsenden Ruhme Garve'sdessen Lebenskraft mehr und mehr; ein krebsartigesUebel beraubte ihn eines Auges, entstellte sein Gesicht,bereitete ihm viele schmerzenreiche, trübe Stunden, dochließen, je mehr das äußere Uebel wuchs, die innernLeiden, Nervenschwäche und hypochondrische Anwand-lungen, von ihm ab, und die Leiden, die der Weisestandhaft erduldete, hemmten erst dann seinen Fleiß,als der Tod ihm nach der gemeinen Rede schon «aufder Zunge saß» denn noch 15 Stunden vor sei-nem sanften entschlummern diktirte er den Entwurfdes 2. Theils seiner Abhandlung: «Ueber Gesellschaftund Einsamkeit» bis zu dem Abschnitt: Einsamkeit desKranken. Diese Einsamkeit hatte er oft recht schmerzlichtief empfunden, da in ihm der Trieb nach Geselligkeitlebte und sein Leiden doch viele von ihm zurückschreckte.Manso setzte dem dahingeschiedenen in Prosa und Poesieehrende Denkmale; darunter das sinnige Distichon:

Zweien Unsterblichen hat sein Genius innig gehuldigt:

Dir o Weisheit und Dir Göttin des Maaßes und Ziels.