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Die Entwicklung der Einzelstaaten 1815—1840.
pfinden des Volkes wurzelten und längst durch andere, weit wich-tigere Scheidungen überholt waren. Freilich erhob sich dagegenund mehr noch gegen die damit verknüpfte Änderung der Agendein manchen Gemeinden Widerstand; aber das erklärt sich ausder Teilnahme, welche die Persönlichkeit des einen und anderenwiderstrebenden Theologen sür seine Auffassung zu erwecken wußte,und weiter aus dem Zorne des Volkes, daß kirchliche Fragen durchbureaukratische Verordnungen und Polizeibesehle erzwungen werdensollten. Mehr als an irgend einer anderen Reform hat sich derKönig an der Durchführung der Union uud an dem Agendenstreitpersönlich beteiligt. Er hat darin selbst zur Feder gegriffen undertrug es auch, als Schteiermacher, der große Theologe der Zeit,der den Gedanken der Union vorzugsweise mit gestützt hatte, ineiner Gegenschrift mit männlichem Freimut ausführte, daß demKönige uicht das Recht zustehe, liturgische Anordnungen zu treffen.Diese Konflikte störten aber nur die reine Freude an dem Werkeder Union, das Werk selbst hinderten sie nicht.
Mächtige Fortschritte machte ferner das Schulwesen und zwarin allen seinen Formen von der Volksschule bis zn den Universi-täten. Trotz der ungerechten Entlassung oder Maßregelung mancherProfessoren und trotz der Verfolgung vieler Studenten blieb dochder Grundsatz der akademischen Lehrfreiheit erhalten und gewannstetig größere Krast. In Österreich wurden Schulen und Univer-sitäten dem Klerus und der Polizei überantwortet, und die Pro-fessoren erhielten Befehl, nur zn lehren, was der Kaiser billige,und sich an die vorgeschriebenen Lehrbücher zu halten. Im Gegen-satz dazu entwickelten sich Preußens Gymnasien nnd Universitätenin freier und reicher Weise, standen mit allen lebendigen Geisterder übrigen Staaten in fruchtbarem Verkehr und übten auf vieleandere Staaten belebenden Einfluß. Auch die Volksschule wurdegefördert, und auf ihre Leitung hatten von 1820—40 Männerder Aufklärung, namentlich Diesterweg, maßgebenden Einfluß.Die Besoldung der Lehrer und die Ausstattung der Schulen bliebenfreilich ähnlich wie in den übrigen deutschen Staaten in einemZustande der Verkümmerung, der dem Lande zur Schmach gereichte.Die Gymnasien wurden wohl bisweilen mit allerlei Vorschriften