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Regentschaft und Anfänge König Wilhelms I.
ihm geboten, gegen das Gesetz zu stimmen. Da wurde der Königzornig, erklärte, daß er von den Offizieren seiner Armee erwarte,daß sie für ein Gesetz stimmen würden, das die Interessen derArmee so nahe berühre, und entließ den Herrn mit allen Zeichender Ungnade. Diese Vermischung der Geldinteressen mit angeb-lichen Gebetserhörungen war seinem Wesen besonders zuwider undmußte ihn nachdrücklich mahnen, sich von diesen Gruppen abzu-wenden. Aber Auderes zog ihn wieder hinüber, und immer stärkerbreitete sich im Volke die Vorstellung aus, daß bei dem Regentender Liberalismus und die Abkehr von der Politik der Reaktionmehr nur in den Worten liege; besonders vermehrten die Hin-neigung zu Österreich und Rußland , die legitimistischen Velleitäteuin Sachen der italienischen Politik und die kleinliche nnd unklareHaltung gegenüber der nationalen Bewegung in Deutschland dieZweifel, ob der Regent die militärische Macht, deren Verstärkunger forderte, im Dienste der nationalen Wiedergeburt gebraucheuwerde oder zum Widerstande gegen sie.
In den folgenden Jahren gewann die nationale Bewegungnoch größere Kraft. Der Weimarische Landtag forderte am15. Februar 1862 einstimmig ein deutsches Parlament, die „Süh-nung der unerhörten Schmach in Schleswig-Holstein " und „dieWiederherstellung des gebrochenen Verfassungsrechtes in Knrhessen":Deutschlands Ehre hafte dafür. Einige Tage später wurde vonder Kommission des preußischen Abgeordnetenhauses erklärt, daßder Bundestag nicht zu Recht bestehe; er habe ohne Mitwirkungder Landtage nicht erneuert werden können, sei nichts als einGesandtenkongreß. Daran schloß sich die Forderung, die Unions-politik von 1849 wieder aufzunehmen, und die Mahnung: „Deutsch-land muß wissen, daß Preußen bereit ist, seinen deutschen Berufzu erfüllen." Zu einem Beschluß des Hauses über dies Programmder deutschen Politik kam es nicht, weil das Haus infolge desKampfes um die Reorganisation der Armee schon am 11. März1862 aufgelöst uud wenige Tage darauf die liberalen Mitglieder desMinisteriums entlassen und durch Männer ersetzt wurden, die Roonfür geeignet hielt, ihn im Kampfe gegen den Liberalismus zu unter-stützen.