522 Regentschaft und Anfänge König Wilhelms I.

brachten nun die Preußischen Jahrbücher einen Aufsatz über dasMinisterium Eichhorn, damit der Rückblick auf dessen Kirchenpolitikder Regierung zur Mahnung und Warnung diene, und sie denMut fasse, auf die Billigung der Herren Stahl und Kleist-Retzowzu verzichten!

Mag jene nnfreie Richtung sich, wie unter Eichhorn, hinter vagenPhrasen und nebelhafter Romantik verstecken: mag sie, wie nachher, jede Scheubeiseite setzen nnd alle Geistesfreiheit durch Zwang und Willkür niederdrücken:sie ist nicht gut preußisch, sie ist nicht deutsch, sie ist vor allem nicht histo-risch. Unsere Geschichte weist unS auf audere Bahnen. Wahren wir unseremVolke echte Gottesfurcht: schützen wir die Jugend vor jedweder Leichtfertig-keit und sittlichem Verderbnis. Aber es bleibe in dem Staate Friedrichsdes Großen die Freiheit der Überzeugung und der Wissenschaft geheiligt: eswache über der Schule die treue Sorge für das Wohl der kommenden Ge-schlechter, und dem Werke des Unterrichts und der Erziehung werde dasGewicht beigelegt, das ihm gebührt. Ohne Einschränkung aber gelte derGrundsatz, daß es der Buchstabe ist, der tötet, nur der Geist, der leben-dig macht.

Man hört den Kummer und die Sorge aus diesen Wortenheraus, daß selbst auf diesem Gebiete der Prinzregent nichts vondem erfüllen werde, was feine Proklamation von 18S8 erwartenließ. Gewiß war es nicht zu verlangen, daß er nun plötzlich dasProblem löse, wie der evangelischen Kirche eine geeignete, ihrelebendigen Kräste zur Wirksamkeit weckende und sammelnde Ver-fassung zu geben sei. Aber wie sollte das Volk das Vertrauen be-wahren zu dem Regenten, der die Partei ihre Gewaltherrschaft inder Kirche weitertreiben ließ, deren Thun er selbst am schärfstenals verderblich geschildert hatte? Diese stetig und auf allen Ge-bieten der Verwaltung und Gesetzgebung, wie der äußeren Politikfortschreitende Zersetzung des Vertrauens, das man dem Regentenentgegengebracht hatte, macht es begreiflich, daß das Volk der Ent-lassung des Kriegsministers General v. Bonin und der BerufungRoons in seine Stelle ein großes Gewicht beilegte. Gewiß, eswaren sachliche Gründe, die den Regenten zn dem Wechsel bewogen,nicht die politische Anschauung jener Männer, aber für die Wir-kung der Maßregel war es entscheidend, daß Bonin sür liberal galtnnd Roon für reaktionär. Roon war auch in der That reaktionärgesinnt. Seine Frennde fürchteten gleich, daß die Krenzzeitnng über