524

Regentschaft und Anfänge König Wilhelms I.

Hälfte vermehrt werden. Das Heerwesen ruhte auf den Gesetzenvon 1814/1S, und noch immer wurden wie damals jährlich nur40000 Rekruten eingestellt, obwohl sich die Bevölkerung von zehnauf achtzehn Millionen vermehrt hatte. Die allgemeine Wehrpflichtbestand also nnr dem Namen nach, ein großer Teil der wehr-fähigen Jugend wurde nicht in das Heer aufgenommen. Die Will-kür entschied, wer diese größte aller Lasten tragen solle und wernicht, nnd diese Ungerechtigkeit verdoppelte sich durch die Mängelder Organisation. Zwei Jahre stand der Mann in der Linie,zwei Jahre in der Reserve, sieben Jahre in der Landwehr ersten,sieben Jahre in der Landwehr zweiten Ausgebots. Das zweiteAufgebot sollte im Kriegsfalle zunächst die Festungen besetzen, aberdas erste Aufgebot gehörte zur Feldarmee und mußte bei jederMobilmachung in die Reihe treten. Die älteren Jahrgänge diesesAusgebots waren aber zum großen Teile verheiratet und standen,wenn sie Geschäftsleute waren, in den Jahren, in denen der Mannsich selbständig macht nnd das junge Geschäft am wenigsten ver-lassen kann. Jede Mobilmachung brachte deshalb über zahlreicheFamilienväter die schwersten Opfer, während eine Masse jungerLeute zu Hause blieb und ihrer Ausbildung oder ihrem Vergnügennachgehen durfte.

Die Mobilmachuugen von 18491850 und 1859 hatten beidem Prinzen einen so starken Eindruck von diesein Unrecht und zu-gleich von erheblichen Mißständen in der Ausbildung der Truppenhinterlassen, daß er seinen Beruf darin sah, sie zu beseitigen. Er warSoldat mit Leib und Seele, hatte genaue Kenntnisse und sicheresUrteil auf diesem Gebiete und fühlte sich in seinen Plänen dnrchdie Zustimmuug bestärkt, die er bei anderen Offizieren fand, vorallen bei dem hochbegabten Roon. Eben deshalb berief er ihn amS. Dezember 1859 an Stelle Bonins, der mancherlei Bedenken,auch siuauziellen, zu starkes Gewicht beilegte, zum Kriegsminister.Roon war eine hervorragende Persönlichkeit, er hat als Ministerseine Vorlagen mit ungewöhnlichem Geschick vertreten und wurderasch einer der wirkungsvollsten Redner und Debatter des Hauses;zugleich zeigt uns sein Briefwechsel mit dem Historiker Perthesaus dieser Periode den Reichtum und die Kraft seines Gemüts.