Aufsatz 
Carl Neumann
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0. Holder.

Kreise der Mathematiker und Physiker seinen Mitbürgern fast unbekannt.Die geschäftlichen, mit dem Universitätswesen verbundenen Angelegenheitenwußte er von sich abzuhalten, und so hat er auch keine Ehrenämter derUniversität bekleidet. Er war der typische deutsche Professor alten Stiles,dem seine wissenschaftliche Arbeit die Hauptsache war; ja es bildete beiihm diese Arbeit neben der Vorlesung trotz der reichen sonstigenInteressen, die ihn bewegten das einzige Feld seiner Tätigkeit. Nach-dem noch der glückliche Ehebund, den er geschlossen hatte, im Jahre 1875nach erst elfjähriger Dauer durch den Tod der Gattin gelöst worden war,lebte der Vereinsamte lange Zeit fast nur seiner geliebten Wissenschaftund seinen ihm in besonderer Anhänglichkeit verbundenen Scliülern. Erstin höheren Lebensjahren hat seine Schwester seinen Hausstand geteilt undihm wieder ein behagliches Heim bereitet, in dessen anregender Atmo-sphäre manche von uns Kollegen schöne Stunden verlebt haben.

Neumanns wissenschaftliche Arbeiten haben sich, entsprechend seinerreichen Begabung und den mannigfaltigen Anregungen, die ihm seineStudienzeit gebracht hatte, auf verschiedenen Gebieten bewegt. Die physi-kalischen Interessen hatte ihm der Vater vererbt, doch lag die eigeneAnlage mehr auf Seite des mathematischen, insbesondere des anschaulichmathematischen Denkens. Während der Königsberger Studienzeit hatte erjedenfalls von Hesse geometrische, von Richelot funktionentheoretische An-regungen erhalten. Seine Doktordissertation (Nr. 1) behandelt ein Spezial-problem der Mechanik, das mit hyperelliptischen Integralen gelöst wird,ist also funktionentheoretischer Art. Die Habilitationsschrift (Nr. 2) jedochgehört der mathematischen Physik an und sucht von der magnetischenDrehung der Polarisationsebene des Lichtes eine Theorie zu geben. InBasel hat er die erste Auflage seines bekannten und viel benutzten Lehr-buchs über Riemanns Theorie der Abelschen Integrale geschrieben (Nr. 17),in Tübingen in einer der Universität Bonn gewidmeten Gratulationsschriftder Universität die erste elektrodynamische Arbeit veröffentlicht (Nr. 26).Neben den Arbeiten in Funktionentheorie, in theoretischer Physik, ins-besondere in der Elektrodynamik, hat ihn, und zwar vor allem anderen,die Theorie des Potentials und der damit in Zusammenhang stehendenReihenentwicklungen beschäftigt. Auch hat Neumann sein ganzes Lebenhindurch mechanische Aufgaben behandelt und förmlich mit den Grund-lagen dieser Wissenschaft gerungen.

Es erscheint kaum möglich, Neumanns Leben in Perioden zu teilen,in denen er sich jedesmal nur mit einer Materie beschäftigt hätte. Ichwerde deshalb seine Arbeiten nach den einzelnen Gebieten beschreiben.

Weitaus die glänzendsten von Neumanns dauernden Leistungen ge-hören der Potentialtheorie an, mit der ich deshalb den Anfang machen