12. Kapitel. Der Geldwert. § 8.
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Jahrzehnten nicht billiger, sondern eher teurer geworden ist. DieKleinhandelspreise der gebrauchsfertigen Waren sind mindestens nichtin demselben Verhältnis billiger geworden, wie die Stapelartikel desGroßverkehrs.
Eine von den Großhandelspreisen wesentlich verschiedene Ent-wicklung haben in den Ländern der europäischen Kultur nahezu all-gemein die Grundstückspreise, sowie die Pacht- und Mietpreise er-fahren. Die Preise der landwirtschaftlichen Grundstücke und die dafür gezahlten Pachten haben in Deutschland von den 40 er Jahren des19. Jahrhunderts an bis in die 80 er und 90 er Jahre hinein eine sehrerhebliche Steigerung erfahren; in den 90er Jahren ist stellenweiseein nennenswerter Rückschlag eingetreten, der jedoch bald von einererneuten Steigerung abgelöst wurde. Die Preise der städtischen Grund-stücke und Mieten setzten ihre Steigerung nahezu ohne Unterbrechung fort.
Ebenso steht die Gestaltung der Arbeitslöhne im Widerspruchmit der Entwicklung der Großhandelspreise. Es ist eine allgemeineund durch zahlreiche statistische Untersuchungen erhärtete Beobach-tung, daß die Arbeitslöhne in den Staaten europäischer Kultur, nament-lich auch in Deutschland , während der Zeit des Rückganges dermeisten und wichtigsten Großhandelspreise eine nicht unerheblicheSteigerung erfahren haben, ganz abgesehen von der indirekten Er-höhung des Arbeitslohnes, die bei uns in Deutschland durch die denUnternehmern auferlegten Leistungen für die Arbeiterversicherungenusw. herbeigeführt worden ist.
Was die Gestaltung der Barvorräte der Zentralbanken anlangt,so beobachten wir gerade in der Zeit des stärksten Rückganges derGroßhandelspreise überall ein beträchtliches Anwachsen, das sich frei-lich unter lebhaften Schwankungen vollzogen hat. Der Metallvorratder deutschen Reichsbank ist von 510,6 Millionen Mark im Durch-schnitt des Jahres 1876 bis auf etwa 1 Milliarde Mark im Jahre 1895gestiegen, um nach einem vorübergehenden Rückgange in den folgendenJahren diese Höhe im Jahre 1902 mit 982,2 Millionen Mark ungefährwieder zu erreichen. Im Jahre 1909 stellte er sich auf 1046,3 Millionen,Mark. Die Zunahme seit der Mitte der 90 er Jahre des vorigen Jahr-hunderts, also seit der Periode des Tiefstandes der Großhandelspreise,ist mithin ganz unerheblich.
Die Diskontsätze haben, wie aus der folgenden Aufstellung her-vorgeht, vom Beginn der 70 er bis zur Mitte der 90er Jahre desvorigen Jahrhunderts im ganzen eine sinkende Tendenz gezeigt. Dannaber trat ein Umschlag ein. Insbesondere in den Jahren 1900 und1907 wurden Durchschnittssätze erreicht, wie sie seit den Jahren1872/73 nicht mehr dagewesen waren.
Helffebich, Das Geld. 37