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Nachlass / Maximilian Kronberger
Entstehung
Seite
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1902

Schon lange hatte ein Herr, dem ich öfters in der Leopold-straße begegnete, meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Erwar ziemlich groß, hielt sich jedoch schief, die rechte Schulterhöher als die linke. Am interessantesten war sein Kopf. DieStirne hoch, die geistreichen Augen ziemlich tiefliegend, dieNase feingeschnitten, der Mund gewöhnlich fest zusammenge-kniffen, das Kinn etwas vorspringend, die Backenknochen scharfmarkiert. Er hatte langes schwarzes, nach hinten gekämm-tes, seidenweiches üppiges Haar; trug gewöhnlich schwarzenMantel, dunkle Jacke, graue Beinkleider, Stock mit eingeleg-tem Knopf und ziemlich hohen Hut.

Mein Freund Hanns Braun behauptete, es sei ein Mitglied derElf Scharfrichter, was ich, da kein Grund da war es nicht zuglauben, auch glaubte.

Eines Tages, es war im Februar (oder März), stand ich mit mei-ner Schwester Hanna und deren Freundin E. S. vor unseremHaus, Nikolaiplatz 1, als dieser Herr auf mich zukam und michum die Erlaubnis bat, meinen Kopf, den er sehr interessantfinde, abzeichnen zu dürfen. Ich erlaubte es natürlich.Am nächsten Tag, es war dies ein Sonntag, traf ich ihn zuerstmit Hanna zusammen, dann allein. Er bat mich, mit zu einemPhotographen zu gehen, da er mich photographieren lassenwolle. Als dies geschehen, versprach er mir ein Bild und wirgingen zusammen nach Hause. Er fragte mich, ob ich be-stimmte Neigungen und Anlagen habe, ich aber verschwiegmein bißchen Versemachen und schützte Naturkunde vor.

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