Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
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Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit

Ein Rückblick auf Leben und Regierung Trajans ergibt ei-nen auffälligen Kontrast zwischen der Dürftigkeit unserer Nach-richten über sein Leben gegenüber dem gewaltigen Umfang sei-nes Lebenswerkes, wie es in Gestalt von großartigen Bauwerkenim ganzen Reich, umfangreichen Gebieterweiterungen, zahlrei-chen segensreichen Staatseinrichtungen in allen Provinzen, dieBewunderung der ganzen Welt erregt hat und noch erregt. DenSchlüssel zur Erklärung dieses Gegensatzes geben die nicht zahl-reichen aber durchaus übereinstimmenden Nachrichten über dieSchlichtheit, Natürlichkeit, Menschlichkeit, Ausgeglichenheit sei-nes persönlichen Wesens. Er fand überall Vertrauen, indem ersolches gewährte. Er liebte heiteren Lebensgenuß und Gesellig-keit. Er schätzte die Literatur und den Umgang mit Gelehrtenim Sinne unbefangenen Respektes, obwohl er, im Lager auf ge-wachsen, eine höhere Jugendbildung nicht erhalten hatte.

Besondere Bedeutung hat die Betrachtung seiner letzten 5Lebensjahre, welche in scharfer Beleuchtung die Höhe und dieGrenzen dieses Kaisers bezeichnen, dessen Ruhm bei den Zeit-genossen und in der Nachwelt alle anderen Kaiser, Augustus nichtausgeschlossen, überstrahlt.

Den Höhepunkt seiner Regierunng bezeichnet das Jahr 113,in welchem das Forum Trajanum und die Basilica Julia vollendetwurden und ihm Senat und Volk auf seinem Forum seine Ehren-säule errichteten, dessen Spitze das vergoldete Erzstandbild desKaisers zierte, dessen Skulpturen aber nicht den Kaiser, sondernden Ruhm seiner Heere verherrlichten.

Vor dem Ende desselben Jahres begab sich der Kaiser überAthen und Seleucia nach Antiochia (Syrien ), das während seinerAnwesenheit von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde.Mit dem Frühjahr 115 brach er von hier auf, eroberte Armenien und die mesopotamischen Städte. Im folgenden Jahr, 116, zoger nach Assyrien, hielt Einzug in Ktesiphon , die Hauptstadt derParther , dann fuhr er den großen Strom hinab zum PersischenMeerbusen, bedauernd, daß er nicht jung genug sei, die Grenzenvon Alexanders Eroberungen zu erreichen. Dann kehrte er um.Aufstände in seinem Rücken machten ihn mißtrauisch gegen die