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Wollen wir wissen, wie in der Zeit nach der Schlacht vonBeneventum (275) das gegenseitige Interesse und Kennenlernender Griechen und Römer sich entwickelt hat, so werden wir unszunächst vergegenwärtigen, wie es mit demVoneinanderwissen derGriechen und der Römer um das Jahr 300 bestellt war.
Wir erinnern uns, daß älteste griechische Kultureinwirkun-gen auf dem Umweg über die etruskische Kultur, zuletzt nocheinmal unter den Tarquinischen Königen, in Rom stattgefundenhatten, daß in den dann folgenden Jahrhunderten sich spärlichegriechische Beziehungen mit Rom , und zwar fast ausschließlichmit den jonisch-griechischen Kolonien Massilia (Marseille) undCumae (bei Neapel ) finden, welche aber dann aufgehoben wurdendurch die etruskisch-karthagische Herrschaft über das italischeSüd- und Westmeer. Durch diese war namentlich auch der Ver-kehr Roms mit Süditalien (Großgriechenland) und Sizilien abge-riegelt.
Diese Trennung der beiden Kulturwelten war in der Zeit vonetwa 500 v. Chr. bis gegen 350 v. Chr. so vollkommen, daß außerder unglaubhaften römischen Nachricht von der Entsendung ei-ner Gesetzgebungskommission nach Athen im Jahre 453 v. Chr.die gesamte uns bekannte griechische Literatur nicht mit einemWort der Stadt Rom Erwähnung tut.
Daß das Schweigen der griechischen Literatur nicht zufälligist, geht daraus hervor, daß sich bei Herodot (484 bis 428), wel-cher im Jahre 444 v. Chr. die Kolonie Thurii in Süditalien mit-begründete, dort 13 Jahre lebte und sein großes Geschichtswerkschrieb, ebenfalls keine einzige Erwähnung von Rom findet.Diese Tatsache hinwiederum wäre unerklärlich, w'enn Herodot ,dessen Geschichtsforschung und Geschichtsdarstellung bekann-termaßen durch das Ziel möglichster Vollständigkeit und univer-salen Zusammenhanges der allgemeinen und der besonderen Ge-schichtsvorgänge charakterisiert wird, etwas Beträchtliches überRom zu sagen gewußt hätte. Daß dies nicht der Fall war, hatsicherlich dieselben Gründe wie das Nichtwissen der Griechenhinsichtlich der Römer .