132
Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
damit stärker zur Voraussicht erzogen. Der Winter ist andererseits im gemäßigtenKlima nicht so lang, die Tage sind noch nicht so kurz wie an den Polen, wo Naturund Menschen zu einem viele Monate dauernden Winterschlaf gleichsam durch eineNacht von Monaten gezwungen sind, der im Sommer ein ebenso langer Tag folgt.Der große und stete Wechsel der Witterung erzeugt im gemäßigten Klima im ganzenauch mehr Energie als die in den Tropen meist für Wochen und Monate gleich-mäßige Witterung. Das gemäßigte Klima regt in seinem kälteren Teile mehr zurThätigkeit M, giebt in seinem wärmeren dem Menschen die schönste und leichtesteExistenz. Über die Verschiedenheiten innerhalb des gemäßigten Klimas sei hinzugefügt,daß die Vegetationszcit der Pflanzen in Europa zwischen 3 und 9, die landwirtschaft-liche Arbeitszeit zwischen 4 und 11 (in Rußland . 4, Ostpreußen 5, Mitteldeutsch-land 7, Südengland N) Monaten schwankt. Die nötige Zahl der Arbeiter, der Ge-spanne, das Wiesen- und Futterareal ist davon abhängig. Der Reinertrag, die Kostenaller Melioration schwanken entsprechend; von der Länge und Härte des Winters hängtteilweise Verkehr und Absatz ab. Harthausen meint, bei gleicher Kultur gebe ein ähn-liches Gut in Mitteldeutschland die doppelte Rente wie in Rußland .
Die heiße Zone hat nicht sowohl viel heißere Tage als die gemäßigte, wie eineviel größere Zahl gleichmäßig sich folgender heißer Tage und eine Hitze, welche mitstärkerer Feuchtigkeit verbunden ist und deshalb auf alles organische Leben ganzanders wirkt. Ein Winter in unserem Sinne ist nicht vorhanden; man hat nur zweioder drei Jahreszeiten; die Regenzeit wird als die kühle empfunden, die Zeit vorherals die des Erstickens und des Vcrtrocknens der Pflanzen. Der anregende Wechsel derWitterung wie die Ungleichheit von Tag und Nacht fehlen oder sind sehr mäßig. InBrittisch-Jndien Pflegt man Oktober bis Februar als gemäßigte Jahreszeit zu bezeichnen:unsere Halmfrüchte, Obstarten und Gemüse gedeihen da und werden im März geerntet;dann solgt vom März bis Juli die heiße Zeit, welche die südlichen Früchte, Reis, Indigound Mais zur Reife bringt; endlich die Regenzeit vom Juli an, welche Abkühlungschafft, die Vegetation neu belebt. Das Pflanzen- und Tierleben zeigt in der südlichgemäßigten und subtropischen Zone seinen größten Reichtum und seine höchste Ent-faltung; aber der Mensch hat im eigentlichen Tropenklima fast nur während der vierMonate nach der Regenzeit seine Vollkraft; die Regenzeit und die heiße Zeit lähmt ihn,bedroht seine Gesundheit und seine Energie.
Die Tropen, hat man gesagt, seien die Wiege der Menschheit gewesen, weil siedas Leben leichter machten; die gemäßigte Zone aber die Wiege der Kultur, weil sieden Menschen zu größter Entfaltung seiner Kräfte nötigte, ohne ihm das Leben so zuerschweren wie die kalte Zone mit ihrer Armut an Pflanzen und Tieren.
55. Die geologischen und Bodenverhältnisse sowie die Wasser-Verteilung. Neben dem Klima sind es die geologischen und Bodenverhältnisse, vondenen die menschliche Wirtschaft in allem einzelnen bedingt ist.
Die Erdoberfläche ist das Ergebnis eines Umbildungs-, Schichtungs- und Ver-witterungsprozesses, der in Millionen Jahren die Erhebung, Zusammensetzung undvegetative Kraft, den Quellenreichtum und die Luftbeschaffenheit, die Gesundheit undWohnlichkeit derselben in allen ihren einzelnen Teilen bestimmte. Eine Reihe vongeologischen Zeitaltern erzeugte die verschiedenen Schichten, die sich folgten und vomUrgebirge bis zum heutigen Schwemmland in den einzelnen Gegenden zu Tage treten,ihr Relief, ihre Erhebung und Beschaffenheit bestimmen. Ein Ergebnis hievon istschon die Gestalt der Länder und Kontinente, das ganze Verhältnis von Festland undMeeren, das wir vorhin erörterten. Damit hängt weiter der auch innerhalb der Länderhervortretende Gegensatz von Hochgebirge und Hochplateau, Mittelgebirge und Stufcn-land, Tiefebene und Flachland zusammen. Jederman weiß, daß der Hackbau, derAcker- und Gartenbau in den reicheren Flußthälern und Tiefebenen warmer Länderentstanden, feit lange aber in die gemäßigte Zone, in die Stufen- und Hügelländervorgedrungen ist. Welchen Teil eines Landes aber der landwirtschaftliche Anbau erfassenkönne, das hängt neben dem Klima wesentlich von den geologischen und Bodenverhält-