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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Hand bedürfte. Der Mann mußte die Zügel der Herrschaft im Hause ergreifen, derFrauen uud Knechte gekauft hatte und mit ihnen wirtschaftete. Man könnte auch anden Sieg der monogamischen Beziehungen denken, welcher den Wunsch des dauerndenZusammenlebens von Mann und Frau gesteigert hätte. Aber vielfach verband diepatriarchalische Familie sich zunächst mit Polygamie. Ihre älteren Züge sind hart undroh. Es handelte sich jedenfalls ebenso um die Ausbildung von Herrschaftsvcrhältnissenüber Nichtverwandte, über Knechte und Sklaven, wie um die von Verwandtschafts-verhältnissen. katertÄinilias, so definiert Ulpian , axpsll^tur <zui in clomo äomiuiuinliaoet. Maine sagt, wo wir die väterliche Gewalt ausgebildet finden, können wirstets zweifeln, ob der Zusammenhalt mehr auf dem Blute oder der Gewalt beruhte.Das Vaterrecht entstand in den Zeiten, da Vieh- und Menschenraub an der Tages-ordnung, da Frauenraub nicht selten war. Die erbeutete Frau gehörte dem Manne,sie wohnte bei ihm, sie hatte keine Gens, keine Brüder in der Nähe, die sie schützten.Eine Verschlechterung in der Stellung der Frau begleitet die Entstehung der patriarcha-lischen Familie und hat sehr lange Zeit gedauert. Wer mehr Weiber raubte oder kaufte,wollte nicht bloß den Genuß, sondern die Mehrung der Arbeitskräfte. Der Weiberkaufbildet sich allgemein aus, weil die herangewachsenen Töchter dem Vater wertvolle Ar-beiterinnen sind, die er nicht ohne Entgelt hergiebt. Kann der Bräutigam nicht Viehoder anderen Gcldcswert bieten, können nicht zwei Familien die Töchter tauschen, somuß der besitzlose Bräutigam als Knecht ins Haus des Schwiegervaters ziehen. DieKinder werden wie die Frau und die Knechte vom Vater als Besitz geschätzt; die Söhnegelten als Segen Gottes. Wer mit 70 auftreten kann, wie Gideon in Israel, erscheintdamit schon als ein mächtiger, gefürchteter Mann.
Ist so die fortschreitende wirtschaftliche Entwickelung und Differenzierung derMenschen, das Bedürfnis festerer Organisation im kleinsten Kreise das Treibende in derEntstehung der patriarchalischen Familie, so waren doch die religiösen und sittlichenVorstellungen nicht minder beteiligt, die neuen Verhältnisse in Sitte und Recht zufixieren, ihnen den geistigen Stempel aufzudrücken. Aller Fortschritt der Erziehungberuhte aus einer starken Vatergcwalt. Die Ahnenverehrung, das System der Totcn-opfer, die nur der Sohn dem Vater darbringen darf, das Gefühl des Zusammenhangesmit den Ahnen, der Verantwortlichkeit vor ihnen konnte, wie alle höheren Religions-systeme, nur bei Völkern mit Vaterrecht entstehen. Der Gottesbegriff entlehnt noch heuteseine Vorstellungen vom Verhältnis des strengen, gerechten Vaters zu seinen Kindern.Nicht unwichtig ist es anzumerken, daß, wo heute Islam und Christentum eindringen,sie das Mutterrecht auflösen, das Vaterrecht sich ausbildet.
Die patriarchalische Familie ist ein Institut der Sitte und des Rechtes zur legi-timen Kindererzeugung und zur gemeinsamen Wirtschaftsführung; gemeinsames Arbeitenund Produzieren unter der Herrschaft des Vaters für die Familie, gemeinsames Essenund Trinken, gemeinsame Geselligkeit, das bindet die Weiber, die Kinder, die Knechteund Mägde mit dem Patriarchen zusammen. Je mehr bei der Arbeit zusammenhielten,und je dauernder sie zusammen wirkten, desto angesehener, reicher wurde der Patriarch.Aber in der Natur der Familie und der Dauer der Generationen lagen doch enge, wennauch elastische Grenzen. Eine Mehrzahl von Weibern konnten immer nur die Vor-nehmeren sich rauben und kaufen; eine starke Erwerbung und Benutzung von Sklavenwar nur kriegerischen Völkern zu bestimmter Zeit möglich. So handelte es sich für dieMehrzahl aller Völker und Familien nnr darum, ob und wie sich die Kinder undKindeskinder im Stammfamilienhanse zusammenhalten lassen, ob im Todesfälle desPatriarchen die bisher Zusammenlebenden auseinanderfalten oder zusammenbleiben, obnun der älteste Sohn oder ein gewählter Vorstand, wie in Indien oder in der slavischenZadruga, an die Spitze trete. Und schon von 5 und 10 die Familie auszudehnen auf20, 30 oder gar 50 und 100 Mitglieder, war immer ein Kunststück socialer Ordnungund Zucht, das nur den fähigeren Rassen bei einer bestimmten Höhe der Gesittung,häufig auch nur den höheren Klassen, den mit einem gewissen Grundbesitz ausgestatteten,ganz gelang.