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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
umfassenden Prozeß natürlicher Beeinflussung und eigentümlicher erblicher Entwickelungso weit differenziert worden, daß fast jede Rasse und jeder Stamm einzelne Fertigkeitenund Güter besaß, die dem anderen mangelten. Und je stabiler und unbiegsamer inLebensweise und Sitte, je unfähiger zur Aneignung neuer Künste alle primitiven Rassen,ja selbst heute noch breite sociale Schichten unserer Kulturvölker sind, desto größerenEinfluß auf die langsam beginnende Arbeitsteilung mußten diese ethnischen Verschieden-heiten haben. Wie ein roter Faden geht es durch alle Kulturgeschichte hindurch, daßFremde alle neuen Künste und Fortschritte bringen; noch heute rekrutieren sich bei demTurcheinanderwohncn verschiedener Rassen immer wieder dieselben Berufe aus den ver-schiedeneu ethnischen Elementen. —
Bei den folgenden Darlegungen wird die Schwierigkeit sein, die Arbeitsteilunglosgetrennt von ihren Ursachen und ihrer praktischen Ausgestaltung in der Gesellschaft, vonden konventionellen Ordnungen und Institutionen, in welchen sie allein Leben gewinnt,vorzuführen. Wollte man diese Scheidung nicht vornehmen, so würde dieses Kapiteldie ganze volkswirtschastliche Organisation und alle ihre Ursachen darlegen müssen.Eine isolierende Untersuchung der Arbeitsteilung ist an sich berechtigt, und es ist angezeigt,die anderweitig in diesem Grundriß besprochenen, aus der Arbeitsteilung hervorgehendenInstitutionen (wie z. B. die Unternehmungsformen) nicht auch hier darzustellen. Immeraber ist der große weltgeschichtliche Entwickelungsprozeß der Arbeitsteilung anschaulichuur zu geben mit Ausblicken auf Ursachen und Folgen, mit da und dort eingestreutenkurzen Darlegungen der gesellschaftlichen Einrichtungen, welche der Arbeitsteilung ihrebestimmte historisch wechselnde Form gaben.
Den Stoff gliedern wir nach gewissen in sich zusammenhängenden Teilen oderGebieten, innerhalb derselben nach historischer Folge.
Die Arbeitsteilung auf jedem der von uns unterschiedenen Gebiete ist eine in sichzusammenhängende Kette von Erscheinungen. Daneben hat jedes Volk für sich seineGeschichte der Arbeitsteilung, die aber in ihren einzelnen Teilen der Gesamtentwickelungder Menschheit angehört. Wenn die verschiedenen Völker im ganzen eine einheitlicheEntwickclungsreihe uns zeigen, so liegt es teils darin, daß immer wieder dieselbenUrsachen selbständig zur selben Scheidung führten, teils darin, daß die Gepflogenheiteneiner älteren Arbeitsteilung häufig im Zusammenhang mit einer gewissen Technik odermit gewissen Institutionen auf die jüngeren Völker durch Nachahmung übergingen.
Das erste wichtige Gebiet, das uns bei einer Scheidung der Hieher gehörenden Er-scheinungen entgegentritt, ist die Arbeitsteilung in der Familie, die zwischen Mannund Frau, zwischen den dienenden Gliedern derselben. Sie hat in der patriarchalischenGroßfamilic ihre Hauptausbildung erhalten, spielt aber heute noch eine erhebliche Rolle.Für alle spätere und weitere Arbeitsteilung ist vor allein die Thatsache wichtig, daß die vollenKonsequenzen derselben Wohl für die Familienväter, nicht aber ebenso sür die Hausfrauenund deren Gehülfinnen gezogen werden. Alle hauswirtschaftliche Frauenthätigkeit ist zwarvon der Produktion der Güter im großen heute getrennt, stellt jedoch in sich die uni-versalste Vielgestaltigkeit ungctrennter Arbeitsfunktionen dar. Ich muß mir versagen,aus dieses ganze Gebiet hier nochmals einzugehen, da ich das Wichtigste hierüber indem Kapitel über die Familienwirtschaft gesagt habe.
Als ein zweites großes Gebiet der Arbeitsteilung stellt sich uns die Erhebungder Priester, Krieger und Häuptlinge in der älteren Zeit, der Händler in der späterenüber die Masse des übrigen Volkes dar. Ihr steht als Gegenstück die Entstehung einerSchicht handarbeitender Kreise, der Sklaven, der Hörigen, der freien Lohnarbeiter gegen-über. Es handelt sich auf diesem Gebiete um die Scheidung der höheren von derniederen, der geistigen von der mechanischen Arbeit; es ist das Stück Arbeitsteilung,welches aristokratische, herrschende Klassen und daneben untere, dienende, beherrschteerzeugt. Ich bezeichne sie als die berufliche und sociale Arbeitsteilung; sieist es zuerst, welche die Scheidung in Stände und Klassen herbeiführt.
Das dritte Gebiet, das wir betrachten, betrifft die Scheidung der Gewerbevon der Haus- und Landwirtschaft, sowie die Arbeitsteilung in der letzteren