Die Priesterherrschaft und ihre Beseitigung. Die Krieger.
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schreibende, buchführende Verwaltung hat Jahrhunderte lang da und dort in ihrenHänden gelegen. Ihr hohes Einkommen haben sie ursprünglich zur Sammlung vonFamilienvermögen, später, zumal wo der Cölibat herrschte, wie in der mittelalterlichenKirche, zur Anhäufung von Tempel- und Kirchenvermögen verwandt.
Die Nachwirkungen dieser Institutionen und dieser Vermögensverteiluug sind inden meisten europäischen Staaten heute noch vorhanden. Die Priesterherrschaft aber istfast allerwärts beseitigt oder zurückgedrängt durch die Konkurrenz der selbständigengeistig-sittlichen Kräfte, die in den gesamten höheren und mittleren Klassen sich ent-wickelten, hauptsächlich heute in den verschiedenen liberalen Berufen sich finden. Ein großerTeil dieser letzteren ist direkt oder indirekt aus den Einrichtungen und Traditionen derPriester hervorgegangen. Der Typus von Personen, die durch ausschließliche oder über-wiegende geistige Kraft und Arbeit sich eine höhere oder besondere Stellung erwerben,ist seit den Tagen des Priesterbcrufes nicht mehr verschwunden. Alle spätere Aristokratiehat sich ihre Stellung in dem Maße erwerben und behaupten können, wie sie, ähnlichden einstigen Priestern, sich durch Bildung und Kenntnisse, geistige Krast und moralischeZucht auszeichnete. Manche Naturforscher glauben, die höheren geistigen Leistungenberuhten physiologisch auf der viel stärkeren Zuleitung des Blutes zum Gehirn, wie diemechanischen auf der zu den Muskeln, und es sei ausgeschlossen, daß große Fähigkeitennach der einen oder anderen Seite möglich seien ohne diese physiologische Einseitigkeit.Es dürfte dies eine Übertreibung sein, die nur teilweise wahr ist; es liegt sicher dieMöglichkeit einer harmonischen Ausbildung der körperlichen und der geistigen Kräftevor; sie ist nur praktisch, je weiter die Arbeitsteilung voranschreitet, um so vielschwieriger, d. h. nur bis zu einem gewissen Grade durch immer kompliziertere Gesell-schafts- und Erziehungseinrichtungen herbeizuführen. —
Neben den geistlichen haben die meisten Stämme und Völker eine Gruppe vonweltlichen Aristokraten, Häuptlingen, Principes, Adeligen und Kriegernfrühe entstehen sehen, die Wohl von Ansang an auch durch Klugheit und moralischeEigenschaften, in der Hauptsache und vor allem aber als große Jäger, kühne Kämpfer,als Viehzüchter und Tierbändiger, als Anführer von Beutezügen, als kraftvolle, im-ponierende Persönlichkeiten sich auszeichneten. Sie waren diejenigen, die am frühestensich zahlreiche Weiber und Kinder, großen Vieh- und Sklavenbcsitz zu verschaffen wußten,die in Zusammenhang mit ihrer Stellung, mit ihrem Menschen- und Viehbesitz späterauch den größeren Landbesitz erwarben. Wir kommen daraus zurück.
Die letzte Ursache aber ihres Besitzes waren ihre persönlichen Eigenschaften; durchdiese stiegen sie unter den Volksgenossen empor, durch diese erhielten sie die Richter-, dieHäuptlings-, die Anführerstellen, die Ämter. Die Tapferkeit (virtus) galt nicht bloß beiden Römern als die einzig wahre Tugend, sie war für alle älteren Zeiten eben die für dieStämme und Sippen, ihre Existenz, ihre Kämpfe wichtigste, um sich zu behaupten. Unddarum erwies man ihr eine Ehrfurcht, die heute kaum mehr vorhanden sein kann, nuretwa in der Stellung unseres Offizierstandes noch nachklingt. Die kriegerischen Aristo-kratien gingen aus diesen Tapferen und ihren Gefolgschaften hervor.
Freilich ist die Entstehung eines besonderen Kriegerstandcs bei den tüchtigsten undkühnsten Stämmen nicht der Anfang ihrer Militärverfassung. Besonders einzelne Stämmemit Vichbesitz, mit kräftigen Rassceigcnschaften, durch Klima, Schicksale und Wanderungauf stete Kämpfe hingewiesen, haben unter der Leitung begabter Führer eine Verfassungausgebildet, nach der jeder erwachsene Mann zugleich Krieger war. Die bedeutendstenindogermanischen Völker, Griechen, Römer, Germanen, sind hiehcr zu rechnen, welche inihren Wandertagen und auch noch später in ihrer Gesamtheit Hirten, Ackerbauer undKrieger zugleich waren. Allerdings waren auch bei ihnen bald gewisse Modifikationender allgemeinen Kriegspflicht nötig. Man bot jahres- oder zeitweise nur die Hälfte derMänner auf, während die anderen für diese arbeiteten. Man ließ zu kleineren Zügennur die Jugend oder die Altersklassen bis zum 30., 4V., 45. Jahre ausrücken; manbegann die schwere Last der Ausrüstung und eigenen Verpflegung wie den Kriegsdienstselbst nach der Größe des Grundbesitzes oder Vermögens abzustufen.