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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
kamen. Die Leibeigenen schätzt Grimm schon sür das 8.—10. Jahrhundert auf dieHälfte der Bevölkerung, später haben sie Wohl vielfach vier Fünftel derselben ausgemacht.Dabei darf freilich nicht übersehen werden, daß diese Leibeigenen als Klasse mit denSklaven gar nicht vergleichbar sind. Ein großer Teil von ihnen stand viel höher,,repräsentierte trotz seiner Lasten und Pflichten eine Art Mittelstand, ging später indiesen über. Nur die tiefer stehenden Leibeigenen, die, welche mit der Freiheit besitzloswurden, können mit den Sklaven in Vergleich gezogen werden.
117. Die Entstehung des neueren freien Arbeitcrstandes. Dasgroße Problem unserer Tage ist die Entstehung eines breiten Standes mechanischerLohnarbeiter, die auf Grund freier Verträge ganz oder überwiegend von einem Geld-lohn leben, den sie durch ihre Arbeit in den Unternehmungen, Familien oder inwechselnder Stellung verdienen. Wir fragen: wie kommt es, daß mit dem Siege der^persönlichen Freiheit nicht bloß in den Ländern der alten Kultur, sondern auch in deneuropäischen Kolonien mit ihrem Bodenüberfluß die alte Zweiteilung der Gesellschaftsich erhielt: in eine leitende Minorität, die überwiegend geistige und in eine ausführendeMajorität, die überwiegend mechanische Arbeit versieht? Wer alle Menschen für gleich,,das Princip der persönlichen Freiheit für ein magisches Mittel zur raschesten Entwickelungaller Körper- und Geistesgaben aller Menschen hält, wer die Vorstellung hat, eineallgemeine Besitzausgleichung hätte, mit der Erteilung der persönlichen Freiheit verknüpft,,für immer die Klassengegensätze beseitigt, wer, von den Wundern der heutigen Technikberauscht, annimmt, es wäre wirtschaftlicher Überfluß für alle Menschen bei richtigerVerteilung und demokratischer Organisation von Staat und Volkswirtschaft vorhanden,,der kann natürlich die große historische Thatsache des modernen Arbeitsverhältnissesnicht richtig verstehen.
Wer die Dinge historisch auffaßt, wird die Wucht der überlieferten Klassen- und Besitz-verhältnisse, die Bevölkerungsbewegung, die Notwendigkeit herrschaftlicher Organisations-formen bei der Entstehung der modernen Institution des freien Arbeitsvertrags mit inRechnung ziehen und begreifen, daß allerdings seine Ausbildung besser und schlechtergelingen konnte, da und dort verschiedene Resultate erzeugte; er wird verstehen, daß er,obwohl von Anfang an ein großer principieller Fortschritt, doch erst langsam unddurch mancherlei Reformen zu einer befriedigenden Einrichtung werden konnte; der wirdes für eine kindliche Täuschung erklären, wenn die Lehre aufgestellt wird, ausschließlichböse brutale Menschen oder das Gespenst des blutaussaugenden Kapitalismus hättenes dahin gebracht, daß einige wenige sich der Arbeitsmittel und des Bodens bemächtigtund so die Masse der Bevölkerung enterbt, zu besitzlosen mechanischen Arbeiterngemacht hätten.
Schon die Nachwirkung der Leibeigenschaft, in den Kolonien die der Sklaverei, diegroßen Schwierigkeiten der Durchführung der allgemeinen Schulpflicht, die Unmöglichkeit,bei der Aufhebung der feudalen Agrarvcrfassung alle Hörigen mit Besitz auszustatten,schuf, wie wir schon sahen, breite Schichten wirtschaftlich, technisch und geistig niedrigstehender Menschen, welche mit der Freiheit auf irgend eine mechanische Lohnarbeitangewiesen waren. Sie besaßen nicht die Fähigkeit, auf dem Boden der neuen Technikisoliert oder genossenschaftlich gewerbliche oder agrarische Betriebe zu schaffen; auch woBodenüberfluß war, wie in den Kolonien, zogen sie Lohnarbeit dem Leben des Squattersim Urwald vor. Die große Menge kleiner Handwerker und Hausindnstrieller warebenfalls nicht recht fähig, sich aktiv an der neuen Organisation des wirtschaftlichenLebens zu beteiligen. Wo sie verkümmerten, waren sie wie die besitzlosen ländlichenTaglöhner auf Arbeit bei der nicht zu großen Zahl von Unternehmern angewiesen, welchenach ihren persönlichen Eigenschaften und ihrem Besitz den technischen und organi-satorischen Fortschritt in die Hand nehmen konnten. Die gesamten westeuropäischenStaaten waren 175V—1850 nach langer Stagnation wieder in eine Phase des wirt-schaftlichen Aufschwunges gekommen; aber die überlieferten Klasscnabstufungen warennicht plötzlich zu beseitigen. Die Bevölkerung blieb nach Rasse, Abstammung, Lebens-haltung, Arbeitsgewöhnung, Begabung stark differenziert; die einen waren zu geistiger.