Der psychologische Ausgangspunkt der Klasscnvildnng und Klassenhierarchie.
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Eine große beschreibende und untersuchende Litteratur hat seit hundert Jahren dieGrundlage zu einer empirischen Klassenlehre gelegt, hat uns über die Einwirkung derArbeitsteilung, des Berufes, der Erziehung, der Besitzverteilung aus die Klassenbildunggroße Materialien geliefert, hat uns jedenfalls gezeigt, daß, was auch die wesentlichenUrsachen der Entstehung sein mögen, innerhalb jedes größeren Volkes die Klassenbildunggleichsam Spielarten des Volkscharakters, verschiedene Typen der körperlichen undgeistigen Konstitution schaffe, die durch Generationen hindurch sich erhalten, trotz desWechsels der einzelnen Glieder durch Leben und Tod, durch Eintritt und Austritt.
Wir können vor allem heute eines klar übersehen, nämlich, daß psychologischeUrsachen einfacher Art eine solche sociale Gruppenbildung erzeugen, sobald in einergrößeren Gesellschaft die einzelnen Glieder eine erhebliche Verschiedenheit erreicht haben.Sei die Ursache der Verschiedenheit nun, welche sie wolle, die Verschiedenheit trennt, dieGleichheit verbindet. Die gleichen oder nahestehenden Interessen, Gesühle, Vorstellungenund Ideen erzeugen eine Gruppenbildung; gewisse Gedanken treten über die gemeinsameSchwelle des Bewußtseins und geben den Kitt. Die gleichen Autoritäten beherrschendie Gleichen. Das Bedürfnis nach Anerkennung läßt sich in einem solchen Stadium dergesellschaftlichen Entwickelung für die Mehrzahl am leichtesten im Kreise der Berufs-genossen befriedigen: es entsteht die Standes- und Berussehre, die wichtigste Wurzelaller Klasfenbildung. Indem der einzelne in seinem Selbstgefühl von der Achtung derStandesgenossen abhängig wird, steigert sich das Gefühl der Zugehörigkeit zur socialenGruppe. Derartige Anlehnung wird dem einzelnen um so mehr Bedürfnis, je größerdie Volksgemeinfchaft geworden, je mehr in ihr die älteren kleineren Unterabteilungen,die Geschlechts- und Ortsverbände, dem Individuum nicht mehr die erwünschte psychischeAnlehnung und materielle Hülfe in mancherlei Lebenslagen bieten. Es handelt sich umpsychologisch-sociale Baude, welche die einzelnen erst lokal, dann in immer weiteremUmfange, ursprünglich nur mit einem dunkeln, halb unbewußten Gemeinschaftsgefühlumschlingen, die bei höherer Kultur je nach dem Maße der Verständigung, des wachsendenBewußtseins, des Gegendruckes von außen, des Kampfes um die speciellen Interessenund der sich vollziehenden äußeren bündischen oder Vereinsorganisation bis zumschroffsten, exklusivsten, härtesten Klassen- und Standesgeiste sich steigern können.
Ebenso notwendig aber wie die Klassenbildung scheint die Herausbildung einer Klassen-ordnung, einer Hierarchie der Klassen zu sein. Und zwar nicht bloß, weil bei den meistengroßen Fortschritten der Klassenbildung die eine Gruppe emporsteigt, die andere in ihrer Lagebleibt oder sinkt, nicht bloß, weil Klassenbildung stets Machtverteilung ist, meist herrschendeund beherrschte Klassen erzeugt. Das wirkt ja mit und spielt zeitweise eine große Rolle,aber die Erscheinung wird noch durch eine allgemeinere psychologische Thatsache erklärt,die selbst eine Hauptursache der verschiedenen Macht-, Vermögens- und Einkommens-verteilung und der daran sich schließenden Rechtsbildungen ist. Wir meinen die Not-wendigkeit sür das menschliche Denken und Fühlen, alle zusammengehörigen Erscheinungenirgend einer Art in eine Reihe zu bringen und nach ihrem Werte zu schätzen und zuordnen. Wie jeder Mensch in seiner Familie, in seinem nächsten Kreise geschätzt wirdnach dem, was er durch seine Persönlichkeit, seinen Besitz, seine Leistungen diesem Kreiseist, so hat zu allen Zeiten die öffentliche Meinung die arbeitsteiligen Berussgruppenund -klaffen des ganzen Volkes nach dem gewertet und in ein Rangverhältnis gebracht,Was sie dem Ganzen der Gesellschaft waren oder sind. Natürlich je nach den Zeit-vorstellungen über das, was in sittlicher, politischer, praktisch-wirtschaftlicher Beziehungdas für die Gesellschaft Wertvollere sei. Die Maßstäbe können die allerverschiedensten,berechtigten und unberechtigten, rein äußerlichen oder tief in das Wesen dringenden sein.Nesfield hat uns gezeigt, daß der Rang der indischen Kasten vor allem auf dem Alterder Beschäftigungen beruht; alle später entstandenen Berufe Pflegen höher zu stehen.G. Simmel hat nachzuweisen gesucht, daß die unteren Klassen überall mehr eine ältereZeit mit unentwickelterer Individualität, mit minderwerten Eigenschaften repräsentieren,daß die höheren Eigenschaften und die größere Leistungsfähigkeit der oberen Gesellschafts-schicht mit ihrer Specialisierung und Individualisierung zu danken sei. Wie dem aber