Die Entwickelung der Familienwirtschaft znr Unternehmt»,«,.
417
zwingt; sie ist ein Organ, das Herden-, Land-, Kapitalbesitz zu samnieln, zn verwalten,von Geschlecht zu Geschlecht zu überliesern versteht.
Aber ihre Hauswirtschaft hat ursprünglich nur die eigene Versorgung der Familiezum Zweck, nicht eine Überschußproduktion sür den Markt; höchstens so viel suchen dieFamilien außer sür den eigenen Bedarf zu schaffen, wie etwa für Gemeinde und Grund-herren, sür Kirche und Staat noch nötig ist; denn an diese gesellschaftlichen Verbändemuß die Familie Dienste und Naturalabgaben liefern; so groß ist ihre Huse bemessen,daß sie das kann; und auch der größere Vieh- oder Landbesitzer, der Grundherr, dasKloster, sie haben in älterer Zeit nicht sowohl eine Überschußproduktion und Gewinn-erzielung im Auge als eine so große Eigenproduktion, daß die lokalen Verwaltungs-zwccke, die Zwecke einer militärischen, kirchlichen, aristokratischen Familicnorganisation,die mit dem größeren Besitz verbunden ist, befriedigt werden, so und so viel Diener,Ritter, Klosterbrüder wie nötig, behaust, gespeist und sonst unterhalten werden können.
Die Haus- und Familienwirtschast der älteren Zeit ist so keine Unter-nehmung, es fehlt ihr die Geschäftsseite, die Verbindung mit dem Markt; ihr Zweckist uicht Gewinn, sondern Unterhalt. Aber sie hat eine feste, klare, leistungsfähigeOrganisation, sie bildet eine Arbeitsteilung aus; sie lehrt die Menschen, planvoll fürdie Zukunft arbeiten und sparen; sie ist ein ausgezeichnetes Mittel der Schulung undHeranziehung jüngerer Arbeitskräfte; sie hat in dem unbestrittenen Kommando desFamilienvaters das einsachste Mittel, mehrere, ja viele ohne Reibung zusammen wirkenund die Fähigkeiten des Befehlenden zu vollstem Effekt gelangen zu lassen. Sie isthierin der Arbeitsgenossenschaft unendlich überlegen. Und deshalb wird sie für Jahr-hunderte und Jahrtausende nicht bloß das Organ der menschlichen Fortpflanzung, desWohnens und des Haushalts, des sittlichen Lebens, sondern auch der Keimpunkt, anden sich ganz überwiegend die entstehende Unternehmung ansetzt.
Die Familienwirtschaften, die zu Unternehmungen werden, tragensehr lange Zeit noch überwiegend den Stempel der Haus- und Familienwirtschaft mit demZweck der Eigenproduktion an sich; nur langsam knüpst sich je nach den Naturverhältnissen,je nach den produzierten Früchten und Tieren, Geräten und Gegenständen ein Verkauss-gcschäft, eine Überschußproduktion an sie an; aber letzteres bleibt Nebensache; die ganzeOrganisation, die Wohnung, die Arbeitsstätten, die Sinnes- und Lebensweise der Betreffendenbleibt die familienwirtschaftliche. Die Fischer und Zeidler, die Köhler und Salzsicdcr desälteren Mittelalters haben früher und mehr zu verkaufen als der Bauer; aber alle lebenin erster Linie von den Erzeugnissen ihres Fleißes, stellen sich Wohnung, Kleidung undEssen, ja die Mehrzahl der Werkzeuge selbst her. Auch der Handwerker, der Berg-arbeiter, der Kaufmann hat vielfach noch lange in erster Linie eine agrarische Haus-wirtschaft, seine anderwcite Thätigkeit ist lange nur ein Anhängsel dieser. Aber dochgelangt, der Natur dieser auf den Markt gerichteten Thätigkeiten entsprechend, das„toro rsrnm vermlium stuäsi'ö" nach und nach zu einer Bedeutung, die es beim Bauernicht hat, oder erst in unsern Tagen der vollendeten Geld- und Verkehrswirtschaft daund dort bekommt. So lange der Kleinbauer, sei er Eigentümer, vertreibbarer Stcllen-inhaber oder Halbpächter, seine etwaigen Überschüsse in natura, dem Grundherren abliefernmuß, kann das, was er zu Markt liefert, nicht viel sein; er hat darum auch wenigSinn für technischen Fortschritt, Kapitalbildung, Gewinn; hat er gelegentlich übrigesGeld, so legt er es in den Schrank oder kauft Land oder verspielt und vertrinkt es.Muß er aber staatliche Geldsteucrn aufbringen, entstehen Märkte, Verkehr, Geldwirtschaftin feiner Nähe, fo beginnt er doch, in steigendem Maße für den Verkauf zu produzieren;zuerst und lange handelt es sich nur um einige Prozente seiner Früchte, die er verkaust,heute können wir jedenfalls annehmen, daß es in Deutschland die Halste derselben,vielfach auch mehr seien. Der heutige Bauer ist damit auch zum halben Unternehmergeworden und kommt täglich mehr unter die Gewalt der Gesichtspunkte, die mit derUnternehmung an sich gegeben sind. Am meisten der Gärtner, der vorstädtische, derTabaks-, der Gemüsebauer.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre, I. 27