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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschast.
manchen Hausindustrien waren die Verleger entweder allein zu Zünften vereint, oderwaren sie Zunftgenossen der Heimarbeiter, mußten z. B. in Lyon zehn Jahre Lehrlings-und Gesellenzeit am Webstuhl durchgemacht haben. Diente das da und dort auch zuVerabredungen und Maßnahmen im egoistischen Interesse der Verleger, im ganzensuchten die Regierungen durch die Organisation und durch die Reglements die Schleuder-konkurrenz zu hindern, unanständige Elemente aus dem Kreis der Verleger fern zuhalten, den Verlegern mancherlei Pflichten gegenüber den Heimarbeitern aufzuerlegen.Man könnte diese früher weit verbreitete Organisation der Hausindustrie ein Mitteldingzwischen Zunft, Gewerkverein und Kartell nennen. Soweit mit ihnen und durch sieeine kartellartige Konkurrenzrcgulierung entstand, wirkte sie mannigfach wohlthätig;jedem zu monopolistischen Treiben der Verleger traten die Regierungen entgegen; oft wurdeein Überangebot von Arbeitskräften so verhindert. Hauptsächlich dem leicht wucherischenTreiben der vermittelnden Faktoren, Garnhändlern ;c. suchten die Reglements durchKonzessionszwang entgegenzutreten; oft mit, oft ohne Erfolg.
Diese staatlichen Reglements der Hausindustrie sind meist nach Anhörung allerBeteiligten von den Regierungen erlassen worden; sie waren für die Hausindustrie, wasdas Zunftrecht sür die Handwerke war, was die Arbeiterschutzgesetzgebung für die heutigeGroßindustrie ist. Wo die Hausindustrie erblühen sollte, mußte zuerst häufig dasbestehende hindernde Zunftrecht mit seinen veralteten technischen und Betriebsvorschriftenbeseitigt werden; aber dieser gewerbefreiheitlichen Strömung folgte rasch das Bedürfnisneuer Ordnung, einer Ordnung, die mehrere Gewerbe, Stadt und Land, ganze Gegendenumfaßte, das technische und wirtschaftliche Zusammenwirken so vieler zerstreuter Einzel-kräfte und gute reelle Produktion einheitlicher Waren garantierte, die Verleger vor Ver-untreuung, die Heimarbeiter vor Übervorteilung, Druck und Ausbeutung schützte. Alsdie Großindustrie aber aufkam und die Gewerbefreiheit siegte, mußten naturgemäßdie meisten Reglements fallen, weil alle ihre Bestimmungen nur auf die Haus- oderWerkstattarbeit zugeschnitten waren, und man diesen zu Liebe die Technik höher stehenderFabriken nicht verbieten konnte; einige der Reglements waren auch längst veraltet; vieleaber hatten sehr segensreich gewirkt, hauptsächlich die Heimarbeiter wesentlich gehoben.Die wirklich traurigen Zeiten sür die Heimarbeiter begannen allerwärts erst nach ihrerAufhebung in unserem Jahrhundert.
Ihre wirtschaftliche Lage und ihr Einkommen waren früher und ist heute vonihrer Bildung, ihrem Besitz, ihrer stärkeren oder schwächeren Stellung im Konkurrenz-kampfe gegenüber den Verlegern und Faktoren abhängig. Wo die Heimarbeiter nochnicht verschuldet sind, wo sie auf dem Lande über ein Häuschen und ein Ackerstückchenzuni Kartoffelbau verfügen, sind sie natürlich in ganz anderer Lage als besitzlose Mieter,die verhungern, wenn der Faktor nicht Beschäftigung bringt. Wo die Heimarbeiterselbst noch eine Untcrnehmerstellung, eventuell anderen Verdienst haben, ihre Arbeitoder ihre Waren auch selbst verkaufen z. B. auf Jahrmärkten vertreiben können, istihre Lage ebenfalls noch besser, als wo ihre zerstreute Lage, ihre Marktunkenntnis,ihre Unfähigkeit zu anderer Arbeit sie ganz vom Verleger abhängig macht. Je höherihre technische Kunst steht, desto weniger haben sie bei jeder Haussekonjunktur zu sürchten,daß alle möglichen Kräfte sich ihrer Beschäftigung zuwenden. Wo sie, wie in den ausdem Handwerk entstandenen Hausindustrien, noch Werkzeuge eigen haben, den Rohstoffeinkaufen, ein fertiges Produkt verkaufen (Kaufsystem), ist ihre Lage natürlich imDurchschnitt besser, weil unabhängiger, als wo sie für den Webstuhl teure Mietezahlen, den Rohstoff geliefert und angerechnet bekommen, das fertige Produkt gegenLohn abliefern (Lohnshstem). Letzteres ist neuerdings das Häufigere: hier verlegt derVerleger die Heimarbeiter in der That mit dem Rohstoff, dieser ist Lohnarbeiter des-selben, obwohl er in seiner Wohnung arbeitet- Wo der Verleger dieses System geschaffenhat, die Heimarbeiter nach seinen Mustern seinen Rohstoff verarbeiten, da kann manallenfalls die Hausindustrie decentralisierten Großbetrieb nennen; besser scheint es, diesenBegriff auf die gewerblichen Betriebe zu beschränken, welche den Arbeiter aus seinerWohnung und Werkstatt in die des Arbeitgebers versetzen.