Statistik des Großbetriebes. Das gesellschaftliche Problem desselben.
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Wir sahen, daß die Familienwirtschaft, die patriarchalische Gewalt des Haus-vaters über Kinder und Gesinde und der an Stelle von Sklaven und Hörigkeit tretendefreie Arbeitsvertrag die Grundlage für die Ausbildung des Großbetriebes war. Undwo es sich um Geschäfte von mäßigerem Umfang handelt, reichen diese Traditionen undRechtsbeziehungen auch aus, eine kleine Zahl von Arbeitskräften zu dem einheitlichenZusammenwirken, wie es das Geschäftsleben erfordert, zu bringen, wenn auch dieSchwierigkeiten in dem Maße sich steigern, wie erwachsene, verheiratete Mitarbeiter inden Kreis eintreten, wie es sich um verschiedene Klassen und Menschen, um zunehmendeInteressengegensätze handelt. Wo aber 50 — 10V und mehr Personen in Betrachtkommen, wo die Zahl sich gar auf Tausende steigert, da ist die rechte Organisationund Disciplin, das pünktliche und sichere Ineinandergreifen so vieler verschiedenerMenschen mit teilweise niedriger Bildung, mit starken Leidenschaften und gewecktemSelbstgefühl nicht leicht zu erreichen. Die Ansprüche an persönliche Freiheit, achtungs-volle Behandlung wachsen; und im selben Maße muß im Riesenbetrieb die Ehrlichkeit,die Unterordnung, die Pünktlichkeit, die Kontrolle zunehmen. Eine Hierarchie vonStellungen und Ämtern muß sich bilden; komplizierte Geschäfts- und Arbeitsordnungenmüssen thatsächlich entstehen, schriftlich fixiert werden und in Fleisch und Blut über-gehen. Der Großbetrieb, als Riesenanstalt, gewinnt ein Leben, eine Tradition, einGcsamtinteresse für sich, das über dem des Privaten zufalligen Eigentümers steht, mitden Absichten und Gefühlen des letzteren in Konflikt kommen kann.
Drei große Fragen sind es hauptsächlich, die im Zusammenhang mit diesen Er-wägungen entstehen: I. Kann und soll der Großbetrieb in den Händen individuellerpersönlicher Eigentümer bleiben? soll ihr privates Schicksal die Anstalten in Mitleiden^schast ziehen? 2. In den Großbetrieben schiebt sich zwischen die Chefs und die Arbeitereine steigende Anzahl Beamter, Ingenieure, kaufmännischer Angestellter, Werkmeister;wie soll ihre Stellung, ihre Carriere, ihre Vorbildung geordnet werden? Der Groß-betrieb hat hier die gleichen schwierigen Aufgaben zu lösen, wie Staat und Gemeinde.3. Das Rechtsverhältnis der steigenden Arbeiterzahl bedarf einer reformierenden Ordnung,wenn nicht die Reibung und die Konflikte hier ebenso wie einst bei der Sklaverei undLeibeigenschaft zu einem Punkte der Unerträglichkeit, der Bedrohung der Großbetriebeund der ganzen Gesellschaft führen sollen.
g,ä 1. Seit den letzten 5000 Jahren beruhte überall der wichtigste Teil desKulturfortschrittes auf herrschaftlichen Organisationen; und diese waren immer amleistungsfähigsten, wenn einzelne dazu Befähigte befahlen, eine steigende Zahl ihnengehorchte. Aber an einer steigenden Zahl von Stellen hat man auch aus dem einenein Kollegium, eine gegliederte kollektive Persönlichkeit gemacht, um die Leidenschaftenund Fehler, die Einseitigkeit des einen durch den Charakter und die Kenntnisse mehrererzu ergänzen, um die befehlende Spitze stetiger, dauerhafter zu machen. Ähnliches sehenwir auch in der Welt der wirtschaftlichen Unternehmungen. Neben den Einzelunter-nehmer, welcher sür die Mehrzahl aller kleinen und mittleren Betriebe heute noch seineunzweifelhaften Vorzüge hat, treten successiv an die Spitze der größeren Unternehmungenkollektive Persönlichkeiten.
Der unternehmende einzelne Handwerker, Kaufmann, Landwirt und Fabrikant hatals Geschäftseigentümer und Betriebsleiter, wo die Technik, das Geschäft, das Kapitalnicht zu groß, zu kompliziert ist, den unendlichen Vorzug ungeteilter Verantwortungund einheitlichster Leitung; ihn beseelt ein Erwerbstrieb wie nie einen Beamten; an derguten Leitung des Geschäftes hängt sein Vermögen, seine Ehre, seine Zukunft. Er hatniemand Rechenschaft abzulegen; ihm ist rasches und kühnes Handeln möglich wie nieeiner Mehrheit von Personen. Er kann sich, wenn er nur leidlich Menschen zu behandelnversteht, bei seinen Leuten eine Autorität verschaffen wie keine vielköpfige Leitung; erkann die Friktionen der Mitarbeitenden leichter überwinden, den Absatz gut organisieren,den richtigen Kredit finden, weil er als Persönlichkeit sich einsetzt, Vertrauen erwirbt.
Sobald aber das Geschäft einen gewissen Umfang erreicht, fallen viele diefergünstigen Folgen weg; der Herr kann nicht mehr alles sehen, nicht mehr seine Leute
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