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Hauptursachen der Luhnhvhe vvn 1S00—19VV. Die LohiischwankunM».
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derselben Höhe erhalten, wenn Angebot und Nachfrage in ihrer Größe, ihrer Dring-lichkeit, ihrer Organisation und Macht selbst dieselben bleiben oder in gleicher Pro-portion sich ändern.
Die Tendenz in dieser Richtung des Beharrens wird dadurch befestigt, daß beieinem solchen Zustande die Lebenshaltung für den Arbeiter und die Arbeitskosten fürden Unternehmer dieselben bleiben, daß die Löhne sich allen Preisen und Produktions-verhältnissen und diese ihnen sich angepaßt haben. Es handelt sich um einen Gleich-gewichtszustand, dessen Aufrechterhaltung zunächst allen Beteiligten in gewissem Sinneerwünscht sein muß. Ein hergebrachter Lohn gilt leicht an sich bei Unternehmern undArbeitern als das Normale, ja als das Gerechte. Vollends so lange man die Ursachenund Gesetze aller Preisveränderung noch nicht recht kannte, erschien die Aufrechterhaltungbestehender Löhne (natürlich im Sinne der Nominallöhne, deren Unterschied von denReallöhnen man lange nicht kannte) als die richtige Socialpolitik.
Niemals aber war dies auf die Dauer ganz möglich. Wohl können die kleinenSchwankungen vermindert und zeitweise verhindert werden, nicht aber die größerenund dauernden, auf erhebliche Ursachen, auf starke Änderungen des Angebotes und derNachfrage, der ganzen Volkswirtschaft und ihrer Verfassung zurückgehenden.
In der ganzen älteren Zeit freilich, etwa bis 1700 ja 1800, war alle Lohn-bewegung eine gehemmte. Schon die Naturalwirtschaft mit ihrer Stabilität be-stimmter Darreichungen schuf für einen großen Teil der Löhne feste, oft seit Jahr-hunderten unveränderte Sätze und Zuwendungen. Die ganze Gebundenheit der ländlichenBetriebe, die zunft- und hausindustrielle Verfassung mit ihren Lohntarifen, dieBauern- und Gesindeordnungen hemmten die Bethätigung der sich ändernden Angebots-und Nachfragcverhältnisse. Sitte und Billigkeit wirkten der Arbeitsentlassung in flauerZeit entgegen; der Arbeitgeber erwartete aber auch, daß der Arbeiter in der Haussenicht viel mehr verlange. Alles das konnte freilich nicht hindern, wie wir fahen, daßim 16. Jahrhundert die Reallöhne sanken, wie sie vorher zeitweise gestiegen waren.Immer jedoch geschah dies in gewissen Grenzen und war häufig verschleiert durch dieerhaltene Stabilität der Nominallöhne. Ein reiner Geldlohnarbeiterstand bildetesich damals eben erst; in manchen seiner Teile blieb er durch die ältere Arbeitsverfassunggeschützt, oder war er durch das neue Aufsteigen der Industrie bevorzugt. In seiner Masseaber sank der Arbeiterstand dann von 1750—1850, als die alten schützendenOrdnungen ganz fielen, als die Lehre von dem Segen eines unbedingt freien Spielesder wirtschaftlichen Kräfte sich in die Wirklichkeit umsetzte. Das Recht, die Wirt-schaftslehrc und die unter dem Konkurrenzdruck wachsende Härte der rein geschäftlichenArbeiterbehandlung beseitigten die früheren persönlichen patriarchalischen Beziehungenzwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeiter. Beide Gruppen standen sich nun mehrund mehr als getrennte, ja teilweise als seindliche Klassen gegenüber. Der Geldlohnwurde für den Unternehmer, wo schrankenlose und rücksichtslose Konkurrenz waltete, zueinem Posten der Rechnung für so und so viel Hände, an dem er durch geringereArbeitskräfte, Kinder- und Frauenarbeit, rücksichtslose Entlassung, wo es ging, sparte.Es entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts der Lohnkampf mit seinen Schwankungen,seinen Härten, seiner Bitterkeit. Der Arbeiter erfuhr jetzt erst, wie leicht ihn dietägliche Entlaßbarkeit zum Bettler machen könne.
Der WechselderHausse-undBaissekonjunktur,die Krisen, die stoßweiseEntwickelung der modernen Volkswirtschaft haben wir in ihrer unheilvollen Wirkung aufdie Löhne schon mehrfach berührt. Wir sahen, wie durch sie schnell und stoßweise dieNachfrage sich ändert, die Arbeitslosigkeit zu oder abnimmt. Die Löhne steigen undfallen hiedurch von Jahr zu Jahr oder in Cyklen von mehreren Jahren stärker, als«s auch der bessergestellte Arbeiter aushalten kann. Die englischen Schiffskesselbauerhaben in den letzten Jahrzehnten in ihrem Jahresverdicnst zwischen 50 und 300 Pfd.Sterling geschwankt. Man würdigte die Bedeutung solcher Schwankungen lange nichtrecht; man tröstete sich mit dem liberalen Dogma, das freie Spiel der Preise müsseauch auf dem Lohnmarkt herrschen, der Arbeiter müsse sich in den guten für die