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UNS der Zweifel: wo ist Wahrheit? „Die Weltgeschichte ist dasWeltgericht." Das klingt melodisch und erhebend. Aber essagt doch eigentlich, das es kein Weltgericht giebt, und wennes eines gäbe, wäre es Wohl ebenso wenig unfehlbar, wie allebekannten Gerichte. Wo überhaupt sind die Tafeln derWeltgeschichte zn finden? Vorher heißt es im selben Poem:„Wer glauben kann, entbehre" und nacher: „Dein Glaube wardein zugewogenes Glück"; und das Ganze ist überschrieben:„Resignation". Vor dem Geständnisse, daß, von der ParteienHaß und Gunst verwirrt, ein Charakterbild in der Geschichteschwankt, flüchtet sich der Durst nach Wahrheit in den Trost,daß spätere Geschlechter und Enthüllungen zum freien Urtheilkommeu werden. Ein Trost, der leichter gespendet als bewiesenist; denn woraus sollen die Späteren schöpfen, als aus dem,was die Früheren hinterlassen haben? Derselbe Zeiteulauf, derdie Leidenschaften abkühlt, entrückt den Gegenstand der Forschungauch dein genauen Blick der Nähe.
„Der Moment, in dem die Kunde vom Tode eines großenMannes durch die Welt geht, führt die Geister mehr als irgendein anderer auf den einen Punkt zusammen, wo sie sich zumNachdenken und zur Aussprache über ihn begegnen. Aber er istdeßhalb noch nicht dazu angethan, den Wahrspruch über sein' Verdienst und seinen Werth festzulegen. Das Erschütternde/ wirkt zn sehr mit, und das Schmerzliche, welches den Menschenergreift beim Innewerden deS Vergänglichen, auch dessen, wasso mächtig war. Manzvnis berühmtes Li tu! „Er war" ansden am 5. Mai in St. Helena Erloschenen ist die großartigeKlage, aber nicht das Urtheil der Geschichte über den Heldendes imperialen Märchentraumes, übrigens mehr der Ausbrucheiner Tichterseele als das Echo einer Volksstimmung. DieAnfangs Juli nach Europa gekommene Nachricht von Napoleons Tode hatte keinen allgewaltigen Widerhall.*) Zweimal hatVismarcks Schicksal die Mitwelt durch solche Kunde erschüttert,bei seinem Sturze und bei seinem Tode. Auch Napoleons Fallhatte und sogar wiederholt den tragischen Moment entfesselt;