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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
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Orient und Dreibundpolitik.

Wir mussten uns von der verhängnisvollen Überlieferung endlichlossagen, Dreibundpolitik auch im Orient zu treiben, und den Irrtumerkennen, der darin lag, uns im Süden mit den Türken und im Nordenmit den Austro-Madjaren zu identifizieren. Denn die Fortsetzungdieser Politik, die wir beim Berliner Kongress begonnen und seithermit Eifer gepflegt hatten, musste mit der Zeit und namentlich, wenndie nötige Gewandtheit an leitender Stelle fehlte, zum Zusammenstossmit Russland und zum Weltkriege führen. Statt uns mit Russland auf Grundlage der Unabhängigkeit des Sultans, den man auch inPetrograd nicht aus Konstantinopel entfernen wollte, zu einigen unduns, unter Verzicht auf militärische und politische Eingriffe, aufwirtschaftliche Interessen im Orient zu beschränken und mit der Zer-legung Kleinasiens in Interessensphären zu begnügen, ging unserpolitischer Ehrgeiz dahin, am Bosporus zu dominieren. In Russland entstand die Meinung, der Weg nach Konstantinopel bzw. ins Mittel-ländische Meer führe über Berlin . Statt die kräftige Entwicklung derBalkanstaaten zu fördern, die, einmal befreit, alles eher sind alsrussisch, und mit denen wir die besten Erfahrungen machten, stelltenwir uns auf Seite der türkischen Unterdrücker.

Der verhängnisvolle Irrtum unserer Dreibund- und Orientpolitik,die Russland , unseren naturgemässen besten Freund und Nachbar,in die Arme Frankreichs und Englands gedrängt und von der asia-tischen Ausbreitungspolilik abgedrängt hatte, war um so augenfälli-ger, als ein russisch -französischer Überfall, die einzige Hypothese,die eine Dreibundpolitik rechtfertigte, aus unserer Berechnung aus-scheiden konnte.

Über den Wert des italienischen Bündnisses erübrigt sich einweiteres Wort. Italien braucht unser Geld und unsere Touristenauch nach dem Kriege mit oder ohne Bündnis. Dass letzteres imKriegsfälle versagen würde, war vorauszusehen. Das Bündnis wardaher wertlos. Österreich braucht unseren Schutz in Krieg undFrieden und hat keine andere Anlehnung. Die Abhängigkeit vonuns beruht auf politischen, nationalen und wirtschaftlichen Er-wägungen und ist um so grösser, je intimer unsere Beziehungen zuRussland sind. Das hat die bosnische Krise gelehrt. Seit dem GrafenBeust ist noch kein Wiener Minister so selbstbewusst gegen uns auf-getreten, wie Graf Ährenthal in den letzten Jahren seines Lebens.

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