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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
Entstehung
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Kollegen und die russische Diplomatie in den russischen Blätternzum Ausdruck. Seine deutsche Herkunft und katholische Konfession,sein Ruf als Deutschenfreund, und der zufällige Umstand, dass ersowohl mit dem Grafen Mensdorff, wie mit mir verwandt ist, kamenden unzufriedenen Kreisen zustatten. Ohne eine sehr bedeutendePersönlichkeit zu sein, besitzt Graf Benckendorff eine Reihe vonEigenschaften, die einen guten Diplomaten kennzeichnen: Takt, ge-sellschaftliches Geschick, Erfahrung, verbindliches Wesen, natür-lichen Bück für Menschen und Dinge. Er war stets bestrebt, eineschroffe Stellungnahme zu vermeiden und wurde durch die HaltungEnglands und Erankreichs auch darin bestärkt.

Ich sagte ihm später einmal: Die Stimmung in Russland ist wohlsehr antideutsch. Er entgegnete: Es gibt auch sehr starke und ein-flussreiche prodeutsche Kreise, man ist aber allgemein anti öster-reichisch!

Es erübrigt sich, hinzuzufügen, dass unsere Austrophilie ä outrance(Österreich -Ereundschaft bis zur äussersten Grenze) nicht gerade ge-eignet war, die Entente zu lockern und Russland seinen asiatischenInteressen zuzuführen!

Balkankonferenz.

Gleichzeitig tagte in London die Balkankonferenz, und ich hatteGelegenheit, mit den Leitern der Balkanstaaten in Fühlung zu treten.Die bedeutendste Persönlichkeit war wohl Herr Venizelos . Er wardamals nichts weniger als deutschfeindlich, besuchte mich wiederholtund trug mit Vorhebe und sogar auf der französischen Botschaft dasBand des Roten Adlerordens . Von gewinnender Liebenswürdigkeit,mit weltmännischem Auftreten, wusste er sich Sympathien zu ver-schaffen. Neben ihm spielte Herr Danew, der damalige bulgarischeMinisterpräsident und Vertrauensmann des Grafen Berchtold einegrosse Rolle. Er machte den Eindruck eines verschlagenen undenergischen Mannes, und es ist wohl nur dem Einfluss seiner Wienerund Pester Freunde zuzuschreiben, über deren Huldigungen er sichgelegentlich belustigte, dass er sich zu der Torheit des zweiten Balkan-krieges verleiten liess und die russische Vermittelung ablehnte.

Auch Herr Take Jonescu war öfters in London und besuchte michdann regelmässig. Ich kannte ihn von der Zeit her, da ich Sekretär

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