Als ich im Dezember 1913 nach längerem Urlaub nach London zurückkehrte, hatte die Präge Liman von Sanders zu einer neuenVerschärfung unserer Beziehungen zu Russland geführt. Sir EdwardGrey machte mich nicht ohne Besorgnis auf die Erregung aufmerk-sam, die darüber in Petersburg herrsche! “I Tiave never seen them soexcited“ (ich habe sie niemals so aufgeregt gesehen).
Ich wurde von Berlin aus beauftragt, den Minister zu bitten, mmässigendem Sinne in Petersburg zu wirken und uns bei Beüegungdes Streites behilflich zu sein. Sir Edward war hierzu gern bereit,und seine Vermittlung hat nicht wenig dazu beigetragen, die An-gelegenheit zu ebnen. Meine guten Beziehungen zu Sir Edward undsein grosser Einfluss in Petersburg wurden auf ähnliche Weise wieder-holt benutzt, wenn es galt, dort etwas durchzusetzen, da unsere Ver-tretung sich hierzu als völlig ungeeignet erwies.
In den kritischen Tagen des Juli 1914 sagte mir Sir Edward:„Wenn Sie etwas in Petersburg erreichen wollen, wenden Sie sichregelmässig an mich, wenn ich aber einmal Ihren Einfluss in Wien anrufe, so versagen.Sie mir Ihre Unterstützung.“
Kolonialvertrag.
Die guten und vertrauensvollen Beziehungen, die es mir gelang,nicht nur in der Gesellschaft und mit den einflussreichsten Persönlich-keiten, wie Sir Ed. Grey und Mr. Asquith, sondern auch bei publicdinners (bei öffentlichen Diners) mit der Öffentlichkeit anzuknüpfen,hatten eine merkliche Besserung unseres Verhältnisses zu England herbeigeführt. Sir Edward war aufrichtig bemüht, diese Annäherungweiter zu befestigen, und seine Absichten traten besonders in zweiPrägen hervor: dem Kolonial- und dem Bagdadvertrag.
Im Jahre 1898 w 7 ar zwischen dem Grafen Hatzfeld und HerrnBalfour ein geheimes Abkommen unterzeichnet worden, das dieportugiesischen Kolonien in Afrika in wirtschaftspolitische Interessen-sphären zwischen uns und England teilte. Da die portugiesischeRegierung weder die Macht noch die Mittel besass, ihren ausgedehntenBesitz zu erschliessen oder sachgemäss zu verwalten, hatte sie sichfrüher bereits mit dem Gedanken getragen, ihn zu veräussern und
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