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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
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gehört entweder zur Society (Gesellschaft) oder möchte zu ihr ge-hören. Sein Streben ist und bleibt, ein vornehmer Mann, ein Gentlemanzu sein, und selbst Leute bescheidener Herkunft, wie Mr. Asquith,verkehren mit Vorliebe in der Gesellschaft und mit schönen, elegantenDamen.

Der britische Gentleman beider Parteien geniesst die gleiche Er-ziehung, besucht dieselben Colleges und Universitäten, betreibt dienämlichen Sports, sei es nun Golf, Cricket, Lawn-Tennis oder Polo.Alle haben in der Jugend Cricket und Fussball gespielt, sie habendieselben Lebensgewohnheiten und verbringen das Week End (Endeder Woche) auf dem Lande. Keine soziale Kluft trennt die Parteien,sondern nur eine politische, die sich in den letzten Jahren nur insofernzu einer sozialen entwickelte, als die Politiker beider Lager sich ge-sellschaftlich mieden. Man durfte selbst auf dem neutralen Bodeneiner Botschaft beide Lager nicht mischen, da die Unionisten seitder Veto- und Homerulebill die Radikalen ächteten. Als wenigeMonate nach meiner Ankunft das Königspaar bei uns speiste, verliessLord Londonderry nach Tisch das Haus, um nicht mit Sir Ed. Grey zusammen zu bleiben. Aber es ist kein Gegensatz, der in der Kasteund Erziehung liegt, wie in Frankreich , es sind nicht zwei getrennteWelten, sondern dieselbe Welt, und das Urteil über einen Ausländerist ein gemeinsames und nicht ohne Einfluss auf seine politische Stel-lung, ob nun Mr. Asquith regiert oder Lord Lansdowne.

Ein Gegensatz der Kaste besteht in England nicht mehr, seitder Zeit der Stuarts und nachdem die Welfen und die Whigoligarchieim Gegensatz zu dem toristischen Landadel die bürgerlich-städtischenKreise emporkommen Hessen . Es ist vielmehr ein Gegensatz der poli-tischen Meinungen über staatsrechtliche Fragen oder über Steuer-pohtik. Gerade Aristokraten, die sich der Volkspartei, den Radikalenanschüessen, die Grey, Churchill , Harcourt, Crewe, wurden von derunionistischen Aristokratie am meisten gehasst. Niemals begegneteman einem dieser Herren in den grossen aristokratischen Häusern,ausser bei den wenigen Parteifreunden.

Wir wurden in London mit offenen Armen aufgenommen undbeide Parteien überboten sich in Zuvorkommenheit. Es wäre fehler-haft, gesellschaftliche Beziehungen bei dem engen Verhältnis, das inEngland zwischen Politik und Gesellschaft besteht, zu unterschätzen,selbst wenn die grosse Mehrheit der obern Zehntausend sich in Oppo-sition zur Regierung befindet.

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