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auch gönnen, dass sie sagen: Alles sei aufs beste bestellt in derbesten aller Welten?
III.
(29. Oktober 1892).
Wenn Einer so ein siebenzigjähriges Jubiläum feiert, wiewir es jetzt beinah täglich in den Zeitungen verzeichnet lesen,so sagt man ihm wohl, um ihm die dabei aufsteigenden trübenGedanken zu verscheuchen, das bedeute heutzutage gar nichtsmehr; verbesserte Lebensweise habe die alttestamentarischenGrenzen hinausgeschoben, und die, welche man, nach vor-maligem Sprachgebrauch, Greise nenne, hätten seit Jahrzehntendie Welt geführt, seien auch bis auf diesen Tag in solchenStellungen noch so zahlreich auf dem Platz, dass dem mementomori die Ehre der Erwähnung gar nicht bei dem gegenwärtigenschönen Feste gebühre. Alles sehr gut! Aber dann kommtdoch eines Tages plötzlich Freund Hain und erinnert daran,dass, welche Scherze immer wir uns über seine Gefügigkeitin Sachen des festen Preises erlaubt haben, an seinem altenTarif im Ernste nichts geändert sei. Denn er bleibt doch beidem Schlusssatz: „und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig".Auch der vortreffliche Freund, dessen Todesnachricht heuteMorgen gänzlich unerwartet eintraf, schien einer von denen zusein, für welche die biblischen Worte nicht geschrieben ständen.Zwar zählte er der Jahre beinahe achtundsiebenzig, aber seinehohe, rüstige, breitschulterige, aufrechte Gestalt, sein lebens-frisches Interesse an allen grossen Fragen und insbesonderesein ewig reger Fleiss und Schaffensdrang gemahnten nichtentfernt an die Zeichen der Vergänglichkeit. In seinem letztenBriefe vom Anfang September hatte er noch seinen regel-mässigen Besuch in Berlin für November angemeldet, um, wiegewohnt, „über vieles sich auszusprechen". — Da kommt aufeinmal die schwarzgeränderte Botschaft. In der Nacht vomSonnabend auf Sonntag ist er plötzlich „sanft entschlafen".