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wohlwollender Weise, der Professor der Mathematik, welcherin der Klasse des Sohnes unterrichte, habe dessen Fähigkeitausserordentlich gepriesen. „Freut mich sehr", antwortete derVater, „aber", setzte er hinzu: „Verehrter Herr Direktor, allzugrossen Wert will 'ich auf das Lob des Rechenmeisters dochnicht legen; denn, sagen Sie mir, wenn dieser Professor sichin seiner Rechnung um IOOOO Mark irrt, wer merkt's?"
Diese Geschichte fällt mir immer wieder ein, wenn Vor-schläge für die Gesetzgebung sich auf vorgebliche wissenschaft-liche Autoritäten stützen. Wissenschaft ist eine herrliche Sache;es kommt für solche legislative Verwertung nur darauf an, zuunterscheiden, was wahre und was falsche Wissenschaft ist. Diewahre begnügt sich nicht mit den Berechnungen, die sie imeigenen Gedankenkreise stimmend findet; sie beruhigt sich erst,wenn die Berechnung ihre Probe mittels der Anwendung aufden lebendigen Versuch bestanden hat. Dies gilt sogar für dieexakten Wissenschaften, welche auf den untrüglichen Voraus-setzungen der Mathematik und Geometrie oder auf der Unter-suchung mit der Retorte oder dem Mikroskop beruhen. Ja,ihre Proben dürfen auch dann nicht einmal als endgültig ab-schliessend angesehen werden, wenn sie sich thatsächlich amHergange im kleinen Massstab des Laboratoriums bewährthaben. Dies ist die Geschichte vieler Erfindungen, dieGlänzendes versprachen, bis sie, aus dem Laboratorium in diegrosse Welt hinausgetragen, als unbrauchbar aufgegeben werdenmussten. Selbst auf dem Boden der exakten Wissenschaftensind Gesetze, welche mit Hilfe der schärfsten Beobachtungengrosse Geister gefunden zu haben meinten, später als falscherkannt worden. Man denke nur beispielsweise an die Ge-schichte der Theorien des Lichtes und der Farben, welchenoch immer nicht abgeschlossen sind.
Doch, welchen unendlichen Vorsprung hat die Wissen-schaft der Natur mit ihren scharfen Sinneswahrnehmungen vordenjenigen Wissenschaften voraus, welche lediglich mit derAbstrahierung allgemeiner Grundsätze auf dem Wege derLogik und der, den mannigfaltigsten Auslegungen zugäng-lichen, Statistik arbeiten! Und wenn im Bereiche dieser Artvon Wissenschaften für irgend eine das Gebot der Vorsichtgelten muss, so ganz besonders für die der Volkswirtschaft.