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hausen. Unter anderem soll er einmal, wie mehrere sichereOhrenzeugen erzählten, gesagt haben, Delbrück sei ein Europäer,Camphausen aber nicht.
Im Frühjahr 1876 wurde Deutschland durch die Nachrichtüberrascht, dass der Präsident des Reichskanzleramts um seinenAbschied eingekommen sei und ihn auch sofort erhalten habe.Selbst die engsten politischen Kreise standen diesem Ereignisganz unvorbereitet gegenüber. Aber für die, welche den Sym-ptomen der Bismarckschen Taktik in der letzten Zeit aufmerksamgefolgt waren, wurde damit unzweideutig klar, dass dies derAnfang einer tief einschneidenden Wendung im Kreise der Reichs-politik bedeute. Das bewährte sich auch im vollsten Masse.Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die extremsten Be-strebungen, deren Zeuge die neueste Gegenwart ist, in ihremAusgangspunkt auf jene Wendung zurückweisen. DelbrücksKlugheit und Selbstachtung Hessen ihn keinen Augenblick imZweifel darüber, was die Glocke geschlagen habe, als derKanzler bei einem scheinbar geringfügigen Anlass die nach denamtlichen Regeln herkömmliche Form ihm gegenüber verletzte.Er sagte sich sogleich, dass dies mit Absicht geschehen sei,und mit welcher Absicht, und Bismarck kannte seinen Mannauch genug, um zu wissen, dass hier der leiseste Wink genüge,um verstanden zu werden. Die anderen alle, welche nachein-ander entfernt werden mussten, um dem Geist der Kanitz undMirbach die Bahn frei zu machen, waren minder feinfühlig undtrennten sich schwerer von Amt und Würde. Man erzähltesich damals, Delbrück habe sofort am Tag der Entdeckungdes ersten Symptoms bei Tisch ganz trocken seiner erst seitkurzem ihm angetrauten Gemahlin gesagt: „wir wollen unsnach einer anderen Wohnung umsehen". Sie konnte natürlichnicht fassen, warum die grossartigen Amtsräume in der Wilhelm-strasse ihrem anspruchslosen Gemahl nicht genügten, bis er ihrdie nötige Aufklärung erteilte.
Als im Sommer 1878 nach dem Nobilingschen Attentatneu gewählt wurde, und die Umkehr in der Zoll- und Handels-politik sich immer deutlicher ankündigte, traten einige Führerder nationalliberalen Partei an den ins Privatleben zurückge-tretenen Staatsmann mit der Bitte heran, dass er ein Mandat fürden Reichstag annehmen möge. Sein Sinn war dem durchaus