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Ausgewählte Reden und Aufsätze über Geld- und Bankwesen / von Ludwig Bamberger. Im Auftr. ... hrsg. von Karl Helfferich
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herangezogen war, bewegte er sich in seiner amtlichen Thätig-keit weniger frei als sein Vorgesetzter. Hier konnte man beinahimmer die Probe darauf machen, dass es besser ist, mit demlieben Gott als mit seinen Heiligen zu thun zu haben. Es warauf privatem oder öffentlichem Weg beinah immer vergeblich,Michaelis von einem für ihn feststehenden Punkt abzubringen.Delbrück , obwohl nichts weniger als unklar oder schwankend,war jederzeit allen Einreden oder Vorschlägen in der ange-nehmsten Weise zugänglich. Darin, wie in manchen anderenPunkten, unterschied er sich auch von dem anderen Mitarbeiter,der ihm so lang und nahe amtlich wie menschlich verbundenwar, dem Finanzminister Camphausen. Die beiden Männer,welche, von gleichen wirtschaftlichen Grundsätzen geleitet, dieFinanzen des Reiches und Preussens dirigierten, figurierten be-kanntlich vor den Augen des Publikums als eine Art Dioskuren,bis der eine, das bessere Teil erwählend, den Junggesellenbundkündigte und vom berühmten Tisch des Berliner Klubs, an demdie beiden alten Knaben ihre hohe Sachverständigkeit in festenund flüssigen Substanzen lange Jahre bewährt hatten, anden häuslichen Herd übersiedelte. Camphausen, der bis ansein spätes Ende ein aufrechter Hagestolz blieb, ist, bei sonstvortrefflichen Eigenschaften, nie über den preussischen Partikula-risten und rechnenden Finanzverwalter hinausgewachsen, währendDelbrück , obwohl im herkömmlichen Sinn weniger ein Liberalerals sein Kollege, seine Aufgabe zur grossen deutschen Sachemit viel weiterem Blick zu erfassen verstand.

Ins Einzelne der Thätigkeit einzugehen, welche der erstePräsident des Reichskanzleramtes in den Jahren zwischen 1870und 1876 entfaltete, hiesse die Geschichte der Gesetzgebungdieser reichen Jahre schreiben. Auf dem ganzen Gebiete, daszu bearbeiten war, stand er mit der unermüdlichen Kraft, wiedem vielseitigen Wissen auf der Höhe seiner Aufgabe. In denwirtschaftlichen Angelegenheiten vertraute Fürst Bismarck ihmunbedingt die Zügel an, und weder vor noch nach dem Bruchmit ihm und seinen Grundsätzen hat die bekanntlich nicht sehrzurückhaltende Zunge des grossen Satyrikers selbst in privatenÄusserungen ein despektierliches oder ärgerliches Wort überdiesen treuen und wertvollen Mitarbeiter fallen lassen,wenigstens soviel man weiss. Das Gleiche gilt nicht für Camp-