Druckschrift 
Gerhart von Schulze Gaevernitz : eine Darstellung seines Wirkens und seiner Werke
Entstehung
Seite
25
Einzelbild herunterladen
 

25

gemäßigt liberalen Richtungen ergriffen. Auch die radikalen habenihm ihren vollen Zoll gezahlt. An Stelle des älteren Radikalismus,wie er theorethisch durch Bentham, politisch in der Lehre vomlaisser faire durch John Bright, Cobden und andere vertreten wurde,tritt der Positivismus und der S o z i a I i s m u s". SchulzeGaevernitz beschäftigt sich deshalb mit diesen beiden Strömungenund den Einwirkungen, die sie auf die sozialen Verhältnisse Englandsgehabt haben. Den Positivisten hatten es die Gewerkschaften zuverdanken, wenn sie nach langen Kämpfen durch ein Gesetz aner-kannt wurden. Die Sozialisten, deren einzelne Gruppen SchulzeGaevernitz schildert, näherten sich erst allmählich denGewerkvereinen, deren Sozialismus sichlediglich an dieGrenzen des Möglichen und Zweckdienlichen" hielt. SchulzeGaevernitz sah voraus, daß eine steigende Ausbreitung derTrade Unions ihnen auch auf dem parlamentarischenKampfplatz eine immer größere Machtstellung ver-leihen würde. Er hält deshalb den deutschen Arbeitern die Haltungihrer englischen Kameraden vor und behauptet, daßein englischerArbeiterführer nicht gewissen Radikalen des Festlandes gleicht,welche nichts als ihre Theorie kennen", denn das seidas Groß-artigste an jenen Arbeiterorganisationen, daß sie den Arbeiter zurPolitik erziehen". Es ist interessant, die Wandlung in derenglischen Arbeiterschaft zu beobachten. Während damalsden Gewerkschaften die Sozialisten viel zu radikal waren, so daßSchulze Gaevernitz meinte,die Gewerkvereine und damit der eng-lische Arbeiterstand überhaupt" würdenden Aposteln des Um-sturzes auch in Zukunft verschlossen bleiben", sind heute dieGewerkschaften die radikaleren; die Labour Party mußteals Regierungspartei Konzessionen machen, so daß der letzte eng-lische Gewerkschaftskongreß eine Trennung beider Organisationenbeschloß.

Von diesen verschiedenen Geistesrichtungen ausgehend vollzogsich in England der Umschwung, der schließlich densozialen Frieden vorbereitete, wie ihn Schulze Gaevernitzfür jeden Industriestaat, besonders für Deutschland als das erstrebens-werte sozialpolitische Ziel hinstellt. Die Stellung des Arbeitgeberszum Arbeiter wandelte sich; nachdem der Unternehmer den Arbeiterals seiner Schutzgewalt unterworfen" betrachtet und gleichsam alsPatron eine Reihe von Wohlfahrtseinrichtungen geschaffen hatte,, bringt die letzte Periode die völlige Gleichheit beider

Parteien auf dem Wege der Koalitionsfreiheit. DieBeziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeiter bauen sich auf demBoden politischer und gesellschaftlicher Gleichberechtigung auf. Die-i selben Entwicklungen zeigen sich in der Geschichte der Fabrikgesetz-

gebung, die in den 70er Jahren zur gesetzlichen Anerkennung derTrade Unions führt. Das Verhältnis beider Parteien trägt jetztdenCharakter eines politischen Bündnisses selbständig denkenderMänner",der Gegensatz ist ein wirtschaftlicher, d. h. nicht derart,daß das Ziel des Kampfes Vernichtung des Gegners ist. BeideSeiten sind von einander abhängig." Erst dieses Stadium ermöglicht