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es, eine wirkliche Verbesserung der Lage des Arbeiters herbeizu-führen; eine allmähliche Verkürzung der Arbeitszeit und eine Er-höhung seiner Löhne vervollkommnet gleichzeitig die Produktions-mittel. Die Gewerkschaftsidee ergreift immer größereKreise der Industriearbeiter, und Schulze Gaevernitz konstatiert,daß „auf den wichtigsten Gebieten der Industrie Englands sich einFriedenszustand vorbereitet, welchem man dort am nächsten scheint,wo die Organisation der Arbeiter am weitesten fortgeschrittenist", der „auf die Mittel der politischen Revolution zu Gunstender wirtschaftlichen und demokratischen Waffen verzichtet".Denn die Gewerkvereinsführer gewinnen einen Einblick in den wirt-schaftlichen Stand ihres Gewerbes, ihre schwierigste Aufgabe wirdes, die Massen in den Grenzen der Vernunft zurückzuhalten. Nach-dem auch die Organisierung der ungelernten Arbeiter angebahnt ist,sieht Schulze Gaevernitz mit dem gleichzeitigen Aufstei-gen der Arbeiterklasse die Zeit des sozialen Frie-dens herannahen, deshalb darf er behaupten, daß „dieenglischen Arbeiter Hoffnung für die Zukunft erfüllt", dennsie sind sich bewußt, „mehr als die irgend eines anderen, Landes indem Besitz derjenigen Bedingungen zu sein, welche die friedlicheund allmähliche aber praktische Annäherung an das vorschwebendeIdeal ermöglichen". Im sozialen Fortschritt erblickt SchulzeGaevernitz auch einen moralischen Fortschritt, der sozialeFrieden zwar schafft kein goldenes Zeitalter, er beseitigt nicht dieWirtschaftsstreitigkeiten, aber er nimmt ihnen die Gehässigkeit,weil sich zwei ebenbürtige Gegner gegenüberstehen. „Er schweißtArbeiter und Unternehmer im Falle der letzten vaterländischen Notzur Einheit nach außen zusammen, wie es der Weltkrieg bewies."
Wie weit Schulze Gaevernitz damals mit seinen Gedanken inDeutschland vorauseilte, können wir einer Besprechung ent-nehmen, die H. A. Bueck, der bekannte Geschäftsführer desBundes der Industriellen seiner Arbeit widmete (Stahl und Eisen,12. Jahrgang, Heft 10 vom 15. Mai, Heft 11 vom 1. Juni 1892).Einen Frieden im Sinne der Gleichberechtigung derArbeiter lehnten die deutschen Wirtschaftsführerab. Deshalb schließt Bueck seinen Aufsatz mit den bezeichnendenWorten: „Möge man sich besonders hüten, diese Erleichterungenauch für die Organisation der Arbeiter zu schaffen. Sollte sie inDeutschland doch fortschreiten, und über kurz oder lang zu größererMacht gelangen, so werden die Arbeitgeber suchen müssen, mitderselben fertig zu werden, aber es wird dann nicht der sozialeFriede sein, sondern der Kampf bis aufs Messer!"
Die eingehende Beschäftigung mit Carlyle veranlaßte SchulzeGaever nitz, zum Dr. phil. mit einer Schrift über „C a r 1 y 1 e s Stel-lung zu Christentum und Revolution" zu promovieren.Demselben von ihm bewunderten Gelehrten widmete er 1893 dasBuch „Thomas Carlyles Welt- und Gesellschaftsan-schauung", in das er große Teile seiner Studien über Carlyle, ausdem „Socialen Frieden" hineinverarbeitete.