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MS 311 - Brentano I : [Allgemeine Volkswirtschaftslehre] ; [Vorlesungsskript WS 1910/11]
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rHlemlt ergibt sich als Definition der Volkswirtschaft:

/^Die Volkswirtschaft besteht in der Summe von Wirtschaften von Volks-

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genossen, die auf einem bestimmten Wirtschaftsgebiet vereint)Und durchdessen Eigenschaften bedingt,"^eine " Kultur, "eine* Technik, "eine "

^ Sitte," ein " Recht," einen3*Staat erzeugt haben^und fortwährend ent-

--.^ . "

wickeln und umbilden^&arch die sie gemeinsam beeinflusst und im Gegen-

satz zu den Wirtschaften anderer Völker zu " einem " Ganzen geeint

werden."

Vergleich mit den beiden ausgeführten irrigen Ansichten:

1) Im Gegensatz zur sozialistischen-organ ischen Auffassung: sie istkein Organismus,zu dem Rodbertus sie machen möchte,sie hat ihrenLebensnerv nicht in einer einheitlichen Zentrale,sondern ln den Einzel-wirtschaften,von denen dem Zentralnerv das Leben zuströmt.

2) Im Gegensatz zur individualistisch- atomistischen Ansicht:

Die Volkswirtschaft ist nicht die Summe der durch Arbeitsteilung undTausch verbundenen Sonderwirtachaften der Einzelnen und so nicht nurdadurch von der Wirtschaft anderer Völker unterschieden,dass sie einembestimmten Staat angehören. Wie die Menschen der verschiedenen Völkerdurch ein bestimmtes Territorium,durch Geschmack,Sitte,Sprache,Staats-anstalten sich unterscheiden,so unterscheidet sich auch ihre Volks-wirtschaft.

Der Einzelne,der einer Volkswirtschaft angehört,ist nichtvon jeher derselbe, er ist vielmehr der Entwicklung unterworfen,erist historisch bedingt. Die Gegenwart ist nichts Absolutes,sondern nureine Stufe der Entwicklung,die ununterbrochen und spontan fortschrei-tet,aus dem Keim,den unsere Vorfahren gesäet haben. Daher ist es un-möglich,auf einen Schlag neue Ideale Zustände zu schaffen. Die Gegen-wart ist nur ein Vorläufer der Zukunft; der Staat ist nicht gleich-