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im Freien zuzubringen und die herrliche Gebirgsluft zugenießen — und das ist der Hauptgrund für die großenHeilerfolge von Davos . Die meisten Kranken sind vonmorgens 9 Uhr bis zum Abendtisch im Freien, nur dieZeit des Mittagessens ausgenommen. In dem von Dr.Turban geleiteten Sanatorium müssen sie auch nach demAbendtisch nochmals hinaus in die Liegehalle bis abends10 Uhr, und in vielen anderen Häusern macht man esebenso. Freilich bedarf es einige Energie, um vomwarmen Speisesaale nochmals in die kalte Winternachthinauszugehen, aber man gewöhnt sich sehr bald daran,und wenn das erste Kältegefühl überwunden ist, dannist es ganz erträglich und angenehm in der klaren, wind-stillen, sternenglänzenden Winternacht, und wenn gar diemächtigen Bergriesen ringsum im milden Schimmer desMondlichts erglänzen, so ist das ein großartiges, er-greifendes Schauspiel. Ueberhaupt übt die Majestät desHochgebirges einen wohlthuenden Einfluß auf den Krankenaus, und gerade der Winter im Hochgebirge hat nebenseinen Härten und Strengheiten auch eigenartigen Reizund Schönheit.
Das Leben der Kurgäste in Davos ist im Allge-meinen, wie es bei dem Ernst und der Gefährlichkeitihrer Krankheit sich von selbst versteht, weniger amüsantals ernst, mehr eintönig als abwechslungsreich. Ein Tagwie der andere führt den Kranken auf den Balkon zurLiegekur, die nur durch die Promenade und Tischzeit un-terbrochen wird. Ob lockender Sonnenschein oder wir-belnder Schneefall — er muß hinaus auf die Terrasse,dies ist das erste und wichtigste, die Pflege der Gesellig-keit und des Vergnügens tritt in den Hintergrund, hatja der Arzt gleich bet der ersten Consultation das ernsteWort gesagt: Jede Stunde im Zimmer zugebracht, mußals verloren betrachtet werden. Dem wird auch von denmeisten Kranken gewissenhaft Rechnung getragen. Abge-sehen von Tagen, an denen ganz schlechtes Wetter, wieSchneesturm, herrscht, sind die Zimmer, Salons und Gast-lokale den ganzen Tag über leer, die Straßen, Balköneund Liegehallen belebt. Für diejenigen aber, welche sichzur Abwechslung ein Vergnügen verschaffen wollen, istauch dazu Gelegenheit geboten. Ein recht gutes Kur-orchester spielt täglich mit Ausnahme der Sonntage von11—*/,1 Uhr vor dem Kurhause. An mehreren Wochen-tagen veranstaltet dasselbe auch Symphonie-Conzerte imgroßen Conversationssaale des elegant eingerichteten Kur-hauses. Das Kurhaus enthält ferner ein hübsches Theater,in dem während des Winters von einer Schauspieler-gesellschaft Vorstellungen gegeben werden. Im Verlaufedes Winters werden auch immer eine Reihe von Wohl-thätigkeitsbazaren veranstaltet zu Gunsten unbemittelterLungenkranker, des Krankenhauses, der neuen katholischenKirche und für andere gute Zwecke. Da sich an den-selben Angehörige der verschiedensten Nationen, die Ver-käuferinnen vielfach in ihren Nationalkostümen, bethei-ligen, bieten sie viel des Amüsanten und Interessanten.Die Erträgnisse derselben belaufen sich in einer Saisonzuweilen auf mehr als 25,000 Franken, ein schönesZeugniß für den Wohlthätigkeitssinn der Kurgäste undOrtsbewohner!
Besonderer Beliebtheit erfreut sich der Eis- undSchlittelsport, dem sich allerdings nur Gesunde und ganzleicht Kranke widmen können. Den meisten Kranken istdas Schlittschuhlaufen und Schütteln vom Arzt ver-boten. Doch befinden sich eine bedeutende Anzahl gesunder
Engländer lediglich des Sportes wegen zum Winter-aufenthalt in Davos . Diese sind auch die fleißigstenBesucher der Eisbahn, die für eine der schönsten undbesten des Kontinents gilt und auf der alljährlich großeinternationale Wettlaufen stattfinden. Die namhaftestenKunst- und Schnellläufer finden sich dazu ein, und werth-volle Preise lohnen die Sieger. Am meisten Freudeaber finden die sportslustigen Kinder Albions an demsogenannten „Schütteln", wobei nicht an Schlittenfahrtenin großen, mit Pferden bespannten Schlitten zu denkenist, sondern an das Fahren auf kleinen Handschütten,wie es in der deutschen Heimath von der lieben Jugendbetrieben wird. Würde in Deutschland ein erwachsenerMann oder gar eine Dame auf einem kleinen Schlitteneinen Bergabhang herunterschütteln, an dem eine ver-kehrsreiche Straße vorbeiführt, so würde man daS fürsehr unschicklich halten oder gar zweifeln, ob es in demOberstübchen des großen Kindes ganz richtig sei. InDavos fällt das weder auf, noch gilt es als unschicklich.Es ist etwas Alltägliches. Jung und Alt, Herren undDamen, selbst solche, deren Locken schon bedenklich inSGraue spielen, obliegen auf der abschüssigen Landstraße,an den Bergabhängen mitten im Kurorte, sowie aufeigens angelegten kilometerlangen Schlittelbahnen diesemkindlichen Sport, und wenn dies auch vorzugsweise vonden Engländern geschieht, so hört man dabei doch auchdie deutsche, französische und andere Sprachen. Mit derGeschwindigkeit eines Eisenbahnzuges sausen sie auf denkleinen Schweizerschlitten oder auf den noch schnellerenAmerikanerschlitten den Abhang herunter. Wenn dabeiab und zu eine englische Miß oder andere Evastochterumkippt und in weitem Bogen in den tiefen Schnee ge-schleudert wird, so ist sie wett entfernt, sich durch dasHallo der Zuschauer und Mitfahrenden beirren zu lassen,sie lacht herzlich selbst mit, ob's auch manchmal nicht rechtvon Herzen kommt, arbeitet sich, so gut und schnell eseben geht, aus dem Schnee heraus und setzt dann dasunliebsam unterbrochene Vergnügen mit frischem Muthwieder fort. Die Engländer bedienen sich auch größererSchlitten, auf denen 4—6 Personen rittlings hinter-einander Platz nehmen, und die eine Vorrichtung zumLenken und Bremsen haben. Diese Schütten gehen mitsolcher Geschwindigkeit, daß es nothwendig ist, etwaigeSpaziergänger schon von weitem durch lauten Zuruf auf-merksam zu machen, damit sie rechtzeitig zur Seite tretenkönnen. Fährt der Schlitten gegen ein größeres Hin-derniß an, dann ist es nicht immer mit einem Purzel-baum in den Schnee abgethan, dann gibt es auch ernsteVerwundungen, und erst letztes Jahr mußte ein jungerJrländer dabei sein Leben lassen. Aber je toller undgefährlicher, desto lieber ist es diesen absonderlichen Eng-ländern. Jeden Winter werden auf der Straße zwischenden Stationen Wolfgang und Klosters, die ein starkesGefälle hat, große Wettschlitteln abgehalten, wohin sichdie Theilnehmer von Davos per Extrazug begeben. Auchaus dem zwei Tagereisen entfernten Engadin erscheinenMitglieder der dortigen englischen Colonie, wenn der diebeiden Hochthäler verbindende Flüelapaß passierbar ist.Oft auch steht man mit Pferden bespannte Schlitten durchdie Thalschaft eilen und hintendran paarweise neben-einander zehn und mehr kleine Schlitten, und auf diesensingend und scherzend die abgehärteten Söhne und TöchterAlt-Englands. Im Laufe dieses Jahres soll auf die300 na. höher als Davos liegende Schatzalp eine Draht-