„Ich sehe, es geht nicht mehr aus eigener Kraft.Meine Auflösung steht bevor. So bitte ich Euch, michnach der Kapelle meines erlesenen Schutzpatrons, des hl.Martinus, zu geleiten." Mit freudigem Ausdruck richteteer die Augen gen Himmel. „Welch heilige Stunde ver-brachte ich einst an seinem Grabe! Ja, die frommenVorsätze, so ich zu Tours im Hause des Gottesstreitersfaßte, sind bestimmend gewesen für den Nest meinesLebens. Meinem Schutzheiligen Martinus verdanke ichErmuthigung und Kraft in den irdischen Kämpfen. Führtmich vor den ihm geweihten Altar. Es ist angemessen,daß ich allda das Ende meines Lebens erwarte, wo ichzuvor das Kleid der Weltentsagung, das Ordenskleid,empfangen habe."
In stummer Ergriffenheit schickten die Mönchs sichan, den Todmatten emporzuheben..
Da wichen die Umstehenden ehrerbietig zur Seite,denn die fromme Schwester Nothgardis, des BischofsNichte, des Grafen Tammo Tochter, trat leise in die Zelle.Still kniete die Klosterfrau nieder. Ihre Lippen berührtenden Saum von Bernwards Gewand. Dann hob sie diethränenerfüllten Augen zu ihm empor und sprach:
„Mein Oheim, im Kloster Gandcrsheim wurde unsdie Kunde, wie eS um Euch stehe. Unsere Aebtissin Sophiasendet mich hierher. Sie fleht reuig um Verzeihung fürall den Kummer, für all die Unbilden, so Ihr durch sieerfahren habt, und bittet durch mich um Eueren Segen,um den Segen des rechtmäßigen Oberhirten für uns Alle."
Ein Aufleuchten ging über des Bischofs Züge.
„So wird mir vor meinem Ende noch eine großeFreude zu Theil," sprach er. „Mein Kind, sage DeinerAebtissin, daß ich ihr längst Verzeihung gewährte; dennich weiß, sie handelte als Herrin in guter Absicht; siewollte ihr Kloster uuter einen mächtigeren Schutzherrnstellen. Ich freilich mußte gegen sie die Rechte Hildcs-heims wahren. — Es segne der allmächtige Gott Dich,mein liebes Kind, die Aebtissin Sophia und alle Ange-hörigen des Stiftes Gandersheiml" Mühsam machte derBischof das Zeichen des Kreuzes über die Knieende.Dann bat er mit fast verlöschender Stimme:
„Und nun zu Sanct Martinus!"
Still trugen die Benedictiner ihn hinüber. Mit Hilfeseines Bruders Tammo und des Bischofs Ekkehard legteer sich vor dem Altare zur Erde nieder und verrichteteein brünstiges Gebet. Währenddessen hatte der Sacristandie Kerzen angezündet und der Abt Goderam alles vor-bereitet, um dem Sterbenden die heilige Wegzehrung zureichen. Mit brennendem Verlangen empfing Bernwardzum letzten Male auf Erden seinen Heiland in Brods-gestalt. Er hob seine Hände empor und sprach mit lauterStimme:
„O, wie große Freuden haben die Heiligen Gottesim Himmel!" Darauf sah er voll Rührung die weinendenBrüder an und betete also:
„Heiliger Erzengel Michael , der Du ein Heerführerder himmlischen Geister und der aufgelösten Seelen bist,ich bitte Dich demüthigst aus dem Grunde meines Herzens,Du wollest uns mit den heiligen Engeln gnädig besuchenund diesen Ort erleuchten, in welchem wir jetzt mit An-dacht beten."
Sobald er das gesprochen,, entstand ein heftigerSturmwind und ein großes Getöse. Allen, so zugegenwaren, kam Furcht und Bangen an. Der Sterbende abertröstete die Umstehenden mit gebrochener Stimme:
„Liebe Brüder, fürchtet Euch nicht. Ich bin der.jenige, der hier gerufen wird. Sehet Ihr nicht, wie dieheiligen Engel zu uns hereinkommen, mich abzuholend"Dann kehrte er nochmals seine matter werdenden Augengen Himmel und rief:
«Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist!"Mit diesen Worten sank der bis zum letzten AugenblickeWillenskräftige sterbend in die Arme seines Bruders Tammozurück.
Das geschah am zwanzigsten Tag des Windmonatsim Eintausend zwei und zwanzigsten Jahr nach der Gebuxtdes Erlösers der Welt.
Es war aber zur selben Stunde, da trat in Köln der neugeweihte Erzbischof, Herr Pilgrim, vor den Hoch-altar, um seine erste heilige Messe als Bischof feierlichzu begehen. Aber zu aller Staunen celebrirte er dieselbewider jeglichen Brauch für die Abgestorbenen, und in demMemento nannte er Bernwards Namen. Die Domherrenbefragten nach vollbrachter Feier den Erzbischof befremdet,was das zu bedeuten habe. Der aber sprach mit ernsterRuhe:
„Ich konnte nicht anders. Hört zu: Als armerSchüler stand ich einst vor der Bischofsburg zu Htldes-heim. Ich hielt um eine Beisteuer an. Ein Diener mel-dete das dem Herrn Bernward. Dieser befahl allsogleich,man möge den draußen stehenden Bischof hereinführen.Da kam eine Zahl von Dienern zu mir herausgelaufen,die kehrten aber geschwind wieder um bei dem Anblick,so ich ihnen bot. Es wäre draußen Niemand vorhandenaußer einem armen Schüler, berichteten sie ihrem Herrn.Da antwortete Herr Bernward : „Selbiger ist der Bischof,den Ihr zu mir führen solltet." Er erhob sich sogleichvon der Mittagstafel, ging mir entgegen und empfingmich mit einer Ehrerbietung, daß ich schamroth wurde.Er setzte mich mit Dringlichkeit sogar oben an die Tafel'und bewies mir vor allen übrigen Gästen eine vorzüg-liche Höflichkeit. Beschämt und wider meinen Willen mußteich diese Ehrenbezeigung annehmen. Herr Bernward abersagte mir nach geendigter Tafel die Erzbischofswürde zuKöln voraus. Er bat auch demüthig, ich möchte in derersten hl. Messe, so ich als Bischof dortselbst lesen werde,seiner eingedenk sein. Die Zusage gab ich heilig undtheuer, und Herr Bernward entließ mich mit seinem Segenund vielen Geschenken. Da nun eingetroffen ist, was derfromme erleuchtete Mann mir vorhersagte^ so habe ichheute, der Zusage eingedenk, meine erste heilige Messeals Bischof für ihn gelesen. Als ich an die Stufe desAltars trat, ward mir auf wunderbare Weise kund, derBischof Bernward sei soeben verschieden, er weile nichtmehr unter den Lebenden. Da mußte ich die erste heil.Messe für einen Abgestorbenen halten. Nun ist Euch derGrund meines befremdlichen Thuns klar."
Pilgrim that auch dem Volke das wunderbare Er-eigniß kund und schickte eilends Boten nach Hildesheim ,um seine Theilnahme und seine Trauer zu vermelden.
In Hildesheim hatte der Abt Goderam alle, so beimgottseligen Heimgang des edlen Bischofs zugegen waren,in die Gruft von St. Michael geführt.
Da erblickten sie vor dem Altare der hl. Maria eineoffene ausgemauerte Grube und davor einen Sarkophagaus Stein gemeißelt. Goderam wies ernst darauf hinund sprach also:
„Sehet das Grab, welches der zu Gott Gegangenesich selber hergerichtet hat! Als die schweren Leiden ihm