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stätigte die Sache und beschreibt genau die Farbe dieserAchsel, die er selbst in der Hand gehabt haben will.Ein ähnlicher Apfelbaum soll in Tribur am Nheine und ineinem Würzburger Garten gestanden sein.
In der Christnacht wurden auch nasse Strohbünderum die Apfelbänme gebunden, um sie fruchtbar zu machen,und es mag das wohl manchmal auch gelungen sein,wenn diese Bänder den Reif abhielten, der die zartenKnospen zerstörte. Aehnliches geschah in der Nenjahrs-nacht, und in der Altmark wurde vor dem Aufgehender Neujahrssonne geschossen, um ein recht gesegnetesJahr zu erzielen. In der Umgebung von Hildesheim soll es heute noch Sitte sein, daß die Knechte in derSylvesternacht um die Obstbäume tanzen und sie zureichem Ertrage auffordern. —
Pflanzen, die auch zur Winterszeit im Freien blühenund grünen, obwohl „ringsum Berge und Hügel so tiefverschneit," besitzen wir in unseren heimathlichen Gauennicht gar viele. Wo der Sturm ein Plätzchen freiwehtund die Mittagssonnenstrahlen die schwarze Krume schwacherwärmen, erscheint vielleicht der weiße Blüthenstern derNießwurz—unsere„Schneerose," „Weihnachtsrose" oder„Christblume." Diese zeitlose, „schöne, stille" Blume,über deren Blättern der Tannenbaum seine traumdurch-wobenen Aeste wiegt, ist die „Wendewurz" der Germanen,mit deren Safte die Gallier ihre Spieße und Speerebestrichen, um das Fleisch des erlegten Wildes mürbezu machen.
Vorn Tannenbaume abgesehen, ziehen den Blickdes Naturfreundes noch die Stechpalme, die Mistel,Epheu, Sinngrün und der Lsbensbaum mit seinem rost-farbigen Winterkleids auf sich.
j DieStechpalme, deren glänzende Blattfüllc die rei-fenden Früchte schmückt, findet sich bei uns nicht häufig,
! während sie im nördlichen Deutschland sich oft zu einem Hag! vereinigt. In England werden zur Weihnachtszeit Lädenund Thüren mit den glänzend grünen Blättern und! scharlachrothen Beeren geschmückt.
Das sonderbare Pflanzengebilde, das in grünenBüscheln auf den kahlen Bäumen prangt, die heiligeMistel, nimmt schon in der nordischen Mythologie einehervorragende Stelle ein. Sie war jenes Reis, mit demder falsche Loki den Lichtgott Baldur tödtete. Den keltischenVölkern war sie das Symbol der wiedererwachendenerloschenen Sonnenkraft und genoß eine ganz außerge-wöhnliche Verehrung, da man sie vom Himmel auf dieBäume gefallen wähnte.
Sie fehlte auch nicht bei dem germanischenJulfest unter dem grünen Schmuck der Räume. IhreZweige gaben das Vorbild zur goldenen Zauber- oderWünschelruthe, die in späteren Sagen auftritt und meistvon der Haselstaude geschnitten wurde.
Die Mistel hat das ganze Mittelalter hindurch sichdie Achtung bewahrt und wird wahrscheinlich heutzutagenoch in österreichischen Gegenden in die Wiesen undGetreidefelder gesteckt und um die Obstbäume gebunden,um sie vor Raupenfraß und Hagelschlag zu bewahren.
Epheu und Sinngrün, ihrer winterlichen Aus-dauer wegen Sinnbilder des ewigen Lebens, wurdenfrüher vielfach zu Kränzen gewunden und zur Erforschungder Zukunft benützt. Die ersten Christen betteten ihrelieben Todten auf Epheuranken, um anzudeuten, daß siezur Ewigkeit eingegangen. Im Mittelalter hielt manEpheublätter für wunderkräftig. Noch heute ist dieser
liebe Hausgenosse aus der grünen Welt, „der verschönerndeRost der Jahrhunderte," ein Sinnbild treuer Anhäng-lichkeit, weil er die Bäume umrankt, bis sie verdorrenoder von der Hand des Menschen fallen.
Das Sinngrün war vorzüglich den Jungfrauengeweiht, und diese zierten sich damit, wenn es zumTanze ging.
Im Oberbergischen und Hannoverschen wanden dieMädchen im Winter an bestimmten Tagen zweierleiKränze, die einen aus Epheu und Sinngrün, dieanderen aus Stroh. Dort trugen sie dieselben singendbei düsterem Fackelscheine zu einer Quelle, näherten sichihnen rückwärts und suchten einen zu erhäschen. Hierlegten sie die Kränze mit einer Hand voll Erde in einGefäß mit Wasser, tanzten dreimal mit verbundenenAugen herum und griffen dann nach einem Kranze.Mit dem grünen erfaßten sie ihr Glück — den Braut-kranz, den Tod mit dem andern aus Stroh. —
Diese wenigen Gewächse, deren zähes Leben, Sturmund Wetter, Eis und Schnee nicht zerstört, abgerechnet,schlummert in dieser Zeit das ganze Pflanzenleben, wohlverwahrt in Wurzeln, Samen, Keimen und Knospen.
An milden Wintertagen entdecken wir zuweilenvielleicht auch noch andere vereinzelt blühende KinderFloras, Maßliebchen , Sternmieren, Ehrenpreis, Taub-nessel, Hirtentäschel, Hungerblümchen, meist lästiges,jämmerlich zerzaustes Unkraut, das nicht verdirbt. Inder Regel erwacht aber unser Pflanzenleben erst mit denzurückkehrenden Sängern, wenn der Osterruf in alleTiefen und Schluchten dringt und der lachende Frühlings-himmel Glanz und Wärme zur Erde strahlt.
Schachaufgabe.
Schwarz.
Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt.
Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 100:Halte Maß in allen Dingen.
--HZWS--