durch neue Beispiele der glaubwürdigsten Art weiterhinbewiesen; wie nun lassen sich dieselben wohl vernünftigerWeise erklären?
So berechtigt für den denkenden Verstand dieseFrage an sich ist, so schwierig ist deren Lösung. Schonin den sinnlich wahrnehmbaren Dingen finden wir Menschenuns vielfach nicht znrccht, wie wollten wir da vollständigjene Verhältnisse ergründen, welche in dem Gebiete desGeistigen, des Uebersinnlichen obwalten? Die endgiltigenKreuzpunkte der sichtbaren und unsichtbaren Welt vermagder beschränkte menschliche Verstand nicht genau zu be-stimmen, wiewohl wir Menschen mit unserer Seele selbstin das „Nachtgebiet der Natur" hineinragen. In unseremdermaligcn Zustand des Erkenntnißvermögens könnenwir nicht weit in dieses dunkle Gebiet eindringen, wirsehen uns vielmehr auf Vermuthungen beschränkt.
Jede Erscheinung in der Welt mittels der Vernunftnach ihrem Wesen zu erfassen und Zu erklären, ist dieerhabene Aufgabe der Philosophie, und wer möchte wohlin Abrede stellen, daß des Menschen forschender Geistin den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft bereitsherrliche Triumphe errungen hat? Wie leicht zu denken,haben die Vertreter der Philosophie wie die Vorgängeim geistigen Leben des Menschen überhaupt, so auch dieTodesmelduugen in das Bereich ihrer Untersuchungen ge-zogen. Nach ihrer Lehre sind die einschlägigen Thatsachenaus den Kräften der menschlichen Seele zu erklären.
Sobald des Menschen Seele die rohe, leibliche Hülleabgelegt hat, behaupten die Philosophen mit Recht, trittsie auf eine höhere Stufe des geistigen Lebens; ihr Er-kennen ist dann im Vergleich zum irdischen ein gesteigertesund umfassenderes, und in gleicher Weise scheint die An-nahme begründet, daß die Willenskraft der Seele, sofernsie in ihrem Wirken nicht mehr an die Mitthätigkeit derSinnesorgane gebunden ist, zu freierer und kräftigererEntfaltung gelangt. Mit der Trennung vom Leibe ver-läßt die Seele auch den irdischen Daseinskreis und trittin den leiblosen über; dadurch hört sie naturgemäß auf,an einen bestimmten Raum gebunden zu sein. Diese all-gemeinen Lehrpunkte der Psychologie finden wir schonscharfsinnig bei den kirchlichen Gcistesheroen des Mittel-alters; so behauptet z. B. der große Aquinate: „Ist dieSeele vom Leibe getrennt, so ist sie über jeden Raumerhaben." Was nun allezeit von der bereits abgcleibteuMenscheuscele gelehrt wurde, übertrügt bei den Todes-aumeldungen die Philosophie auf die erst im Scheidenbegriffene Seele. Hat sich die Seele, so lautet ungefährkurz ihre Erklärung, zwar noch nicht völlig vom Körperlosgerungen, sind aber doch die Bande zwischen Leibund Geist schon sehr gelockert, so nimmt die Seelebereits Antheil an den Kräften und Fähigkeiten derreinen Geister und ist demnach in etwas in einenhöheren Wirkungskreis getreten. Dem Geiste ist es als-dann möglich, auf weitere Entfernungen unmittelbar,d. h. ohne Sinneswerkzeuge, zu wirken. Wahrscheinlichlasse auch die Innigkeit der Seelenverwandtschaft zwischenzwei Menschen nähere, geistig-seelische Beziehungen ent-stehen, die in jenem Zeitpunkte, wo die eine Seele sichzum Flug ins Jenseits rüstet, noch mehr hervortretenund noch wirksamer werden. In diesen Wechselbezieh-ungen und erhöhten Kräften der scheidenden Seele istder Grund der Todesanmeldungen nach den Philosophengegeben.
Für diese Erklärungsweise spricht allerdings derErfahrungsumstand, daß sterbende Menschen sich fast
immer bei jenen Personen anmelden, denen sie mit be-sonderer Verehrung und Liebe zugethan waren. Ebensoläßt sich aus dieser Theorie erschließen, warum nichtselten eben jenen Angehörigen und Freunden eine Todes-anmeldung zu theil wird, nach welchen der Sterbende inden letzten Augenblicken seines Daseins fragte oder derenGegenwart er wünschte. Greifen wir z. B. nur zurückauf jene Thatsache in dem Leben der erwähnten pro-testantischen Dame; es kann nach der Erklärung derPhilosophen ihr Wort: „Nun ist es Zeit, daß ich vondem Pater Abschied nehme", und ihr Erscheinen inBellinzona einigermaßen verständlich werden. Gleichwohlwerden wir der menschlichen Seele, solange sie noch nichtvöllig von dem Leibe getrennt ist, jene Kräfte und Fähig-keiten nicht zuschreiben können, wie sie der vom Körpergeschiedenen eigen sind; wir werden vielmehr mit denVertretern einer gesunden Psychologie den Wirkungskreisder Seele, solange der Leib ihre Wohnstätte ist, alsdurch den Körper abgeschlossen betrachten müssen, womiteben dann jede Fernwirkung, wie z. V. bei den Todes-anmeldungen, als unmöglich sich darstellt.
Wie die Philosophie die Todesanmeldungen auf dieSeele und deren Kräfte zurückführt, so geben auch diemeisten Naturforscher, welche leider so vielfach auf demStandpunkte^ffes Stoff- oder des völligen Unglaubensstehen, Kräfte des Menschen als Ursache der einschlägigenVorkommnisse an, aber nicht Kräfte der Seele, desGeistes — einen solchen kennen sie nicht —, sondern„Kräfte der menschlichen Natur". Nach ihrer Lehre ist„die menschliche Natur mächtiger und wunderbarer, alsman früher geglaubt; sie besitzt Fähigkeiten, welche manbisher für göttliche oder dämonische angesehen hat." Dasich aber die Naturforscher rühmen, sich lediglich aufsinnliche Wahrnehmungen bei ihren Theorien zu stützen,so bleibt es uns gewöhnlichen Menschen von allem An-fang an unbegreiflich, wie diese Gelehrten sich auf dasübersinnliche Gebiet zur Forschung wagen können, ohnemit sich und ihren Gruudprincipien in Widerspruch zu ge-rathen. Das Wort der geistreichen Convcrtitin JdaGräfin Hahn-Hahn über Gott, den reinsten, ewigen Geist,gilt auch voll und ganz von dem Geistigen im Menschen,von der Seele, nämlich, daß sie mit Lupe und Fernrohrnicht entdeckt und durchforscht werden kann. Wollen dieNaturforscher mit ihren Instrumenten die Todcsamneld-uugen nach ihrem Grunde zu erklären versuchen, so istihr Resultat sicherlich ein falsches. Sie gleichen daeinem Menschen, der mit dem Fernrohr bewaffnet inder Sternenwelt nach Gott suchen würde, ihn natürlichnicht findet und dann der Welt mit dem berüchtigtenAstronomen Bayle die unumstößliche Wahrheit verkündet:„Es gibt keinen Gott!" Aber selbst zugegeben, diemoderne Naturforschung könnte durch ihre Mittel Ueber-sinnliches erklären, so ist ihre Theorie schon aus demGrunde lächerlich, weil ihre Vertreter jene „Kraft derNatur" noch gar nicht entdeckt haben, welche dem Menschendie Fähigkeit zu den Todesanmeldungeu verleihen soll.Was man nicht definiren kann u. s. w., dieses geflügelteWort könnte man solchen Forschern wohl in das Stamm-buch schreiben! Wollten sich die modernen Propheten desStoffglaubens doch merken die treffliche Mahnung eineshervorragenden Gelehrten der Gegenwart: „Durch That-sachen so in die Enge getrieben, daß die Natnrforschungkeinen Ausweg mehr sieht, thut sie besser daran, diefragende Menschheit nach Oben zu weisen, an die Un-' sichtbaren, als Erscheinungen, die sie unter anderen Um-