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29. zillvbr. 1894.

Ein interessanter Beitrag znr Geschichteeinheimischer Knnstbethätigung.

Als eine Errungenschaft neuester kuustgeschichtlicherForschungen ist die Entdeckung einer zahlreiche Mitgliederumfassenden und weithin in Beschäftigung genommenenWessobrunner Stuckatorenschule zu bezeichnen.Die staatliche Jnventarisation der Kunstdenkmale des Be-zirksamtes Landsberg i. I. 1888 hat zu dieser, für dieGeschichte des Barock und Rokoko sehr belangreichen Ent-deckung geführt. Soeben erhalten wir über die Schuleeine höchst lehrreiche, auf eingehendem Studium derKunstobjekte und auf sorgfältiger Verwerthung einesreichen archivalischen Materielles beruhende Einzeldar-stellung von der berufenen Hand des Herrn Dr. GeorgHager, kgl. Conservators am bayerischen National-museum. Ör. Hager war nicht nur persönlich betheiligtan der erwähnten Jnventarisation, sondern hat auch schoneinmal zu Anfang des vorigen Jahres in drei Artikelnder Beilage zur Allgemeine» Zeitung über die Wesso-brunner Stuckatorenschule berichtet. In sehr erweiterterund vertiefter Form legt er nun die Ergebnisse seinerseitherigen eifrigen Forschungen auf diesem Gebiete vorin der Zeitschrift des historischen Vereines von Ober-bayern. *)

Der Name Wessobrunn hatte schon vordem einenguten Klang in der Kunstgeschichte. Ein in den Jahren1862 64 aus den Fundamenten der niedergelegtenKlostertrakte zu Tage geförderter spätromanischer Apostel-cyklus hat die Aufmerksamkeit der Kunstforscher auf sichgezogen. Dieser Cyklus, ein wichtiges Glied in derEntwicklung der deutschen Plastik in der Zeit des Ueber-gangsstiles, findet allseitige Würdigung vom künstlerischenund kunsthistorischen Standpunkte aus im ersten Theileder Hager'schcn Abhandlung, welcher sich betitelt:DieBauthätigkeit und Kunstpflcge im Kloster Wessobrunn ."Hier sind außerdem alle Nachrichten über die Bau-geschichte des Klosters und der Kirche von den Zeitender Agilolfinger an bis zur Säkularisation gesammeltund kunsthistorisch erörtert und was sonst noch über dieKunstpflege im Kloster überliefert ist, sei es in gelegent-lichen Aufzeichnungen oder in den noch erhaltenen Werkenselbst, zu einem möglichst vollständigen Bilde klösterlicherKunstpflege vereinigt. Welch wichtige Bereicherung daskunstgeschichtliche Studium aus derartig sorgfältigen Zu-sammenstellungen von vereinzelt überlieferten Nachrichtengewinnt, dafür sei nur andeutungsweise die Beschreibungeines zwischen 1160 und 1165 angefertigten Kirchen-portales sowie zweier dem Anfang des 13. Jahrhundertsentstammenden Wandteppiche mit Darstellungen aus derApokalypse und aus dem Leben der hl. Apostclfürstenerwähnt.

Wir wenden uns sofort dem zweiten Theile derAbhandlung zu, welcher überschrieben ist: Die Wesso-brunner Stuckatoren. Das Verdienst des Verfassers be-steht darin, daß er die Meister, welche der: Glanz der

*) Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte.48. Band, 2. (Schlug-) Heft. Manchen 1894, S. 193 521:Die Bautbäiigkeit und Knni'lpflcge im Kloster Wessobrunn und die Wessobrunner Stuccatoren". Mit 16 Abbildungenim Text und 9 Tafeln. Der zweite Theil S. 347 475 undder Anhang S. 490 510 bandelt von den Wessobrunner Stuckatoren. Die ganze Abhandlung ist auch im Sonder-abdrnck mit eigener Seitcnzählnng erschienen.

Wessobrunner Stuckatorenschule begründen, der unver-dienten Vergessenheit entreißt, ihre äußeren Lebens-umstände feststellt, den Begriff einer Wessobrunner Stuckatorenschule durch Analysiruug des Stiles ihrerArbeiten in die Kunstgeschichte einführt und diese Schuledurch den Nachweis der auf dieselbe bestimmend wirken-den Einflüsse der Kunstgeschichte eingliedert.

Die Wessobrunner Stuckatoren waren schlichte Dorf-bewohner, ansäßig oder doch hervorgegangen aus den umdas Kloster Wessobrunn gelegenen Ortschaften (Gaispoint,Haid u. s. w.). In dem den Altbayern angeborenen undbesonders in der Bevölkerung der Weilheimer Gegendlebendigen Kunstsinne war die Vorbedingung künstlerischenSchaffens gegeben; ungünstige Verhältnisse in landwirth-schaftlicher Beziehung hatten schon längst die Wessobrunerzu Handwerken greifen lassen, unter welchen sie daSMaurerhandmerk besonders bevorzugten. AIs nun imLaufe des 16. Jahrhunderts die Stuckdekoration inDeutschland Eingang fand, da war der Anlaß gegeben,der künstlerisch veranlagte Maurer zur Entfaltung ihrerFähigkeiten geradezu herausfordern mußte. Im 16. Jahr-hundert, dessen zweite Hälfte wenig Baulust entwickelte,kam es dazu nicht mehr. Nachdem aber im 17. Jahr-hundert die unmittelbaren Folgen des dreißigjährigenKrieges überwunden waren, da haben die schlichten Dorf-bewohner von Wessobrunn , welche wohl auch währenddes Winters, um ihr Fortkommen zu finden, irgend einanderes Gewerbe betrieben, in der Dekorationskunst desBarock- und Nokokostiles nicht blos Hervorragendes, son-dern auch Eigenartiges geleistet, haben in einem Zeit-räume von etwa 100 Jahren (ca. 16751775) denRuhm bayerischer Kunstfertigkeit hinausgetragen in alleGaue des deutschen Reiches und selbst bis nach Polen ,Rußland, Frankreich und den Niederlanden und sind nurdurch die Verfluchung der Kunst im Klassicismus zumStillstände genöthigt worden.

Wie zahlreich die Wessobrunner im Auslande ar-beiteten, zeigt eine 100 Jahre umspannende Liste derfern von ihrer Heimath gestorbenen Wessobrunner Stucka-toreu, welche nicht weniger als 47 Namen enthält. Da-von entfallen 6 auf Polen, 5 auf die Schweiz , je einerauf Berlin, Wien, Amsterdam, Paris u. s. w. DerWessobrunner Meister Johann Michael Merk war umdie Mitte des 18. Jahrhunderts des Königs von Preußenerster Stuckator. Mit der Münchener Hofkunst ist derName von Wcssobrunnern unzertrennlich und in sehrruhmvoller Weise verbunden. Von den in Augsburg ansäßigen Stuckatoren gehörten zur Wessobrunner Schuledie Feuchtmayr, Rauch, Finsterwalder, lauter Namen vongutem Klänge.

Unstreitig der bedeutendste unter den Wessobrunner Künstlern des 17. Jahrhunderts war Johann Schmuzer ,der als Architekt wie als Stnckatormeister hervorragte.Seine künstlerische Eigenart kommt am vollsten zurGeltung in der von ihm 1687 ff. als Centralbau auf-geführten Wallfahrtskirche zu Vilgertshosen (PfarreiStadel),welche nach Grundriß, Aufbau und Deko-ration zu den interessantesten Barockdenkmälern unseresLandes gehört". Von den Klosterkirchen in Obermarch-thal und Friedrichshafen abgesehen, war Joh. Schmuzergewiß noch in einer Reihe von Landkirchen thätig, wiedas Beispiel der kleinen Pfarrkirche Ettelried vermuthenläßt, woselbst er die Stuckirung des Chores um 33 fl.