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o ist auch ein bewußtes Streben nach der eigenen-Vollendung nicht möglich, ohne das Bewußtsein von der.igenen Unsterblichkeit."

Die wiederholte Betonung der Idee individuellerUnsterblichkeit war offenbar darauf berechnet, auch dieSpiritisten, wie überhaupt weitere Kreise, die nur imallgemeinen den materialistischen Anschauungen entgegen-traten, ohne sich in die Höhe oer englischen Theosophieversteigen zu wollen, für die Neugründnng günstigerzu stimmen. Der Hinweis darauf, daß die Vollendungin einem Erdenleben nicht zu erreichen ist, muß hingegensich als versteckte Bemühung kennzeichnen, eine der Haupt-doktrinen der englischen Theosophie, die wir sogleich näherbeleuchten werden, die Neinkarnation oder Medereinver-leibung, nahezulegen.

(Schluß folgt.)

Das Alter des Menschengeschlechtes!

In der Beilage zur Augsb. Postzig. Nr. 49 findetsich nnter der UeberschriftDas absolute Alter der Eis-zeit" ein Aussatz, der uns zu einigen kritischen Bemerk-ungen veranlaßt. So sehr es zu begrüßen ist, daß dieLeser der Augsb. Postztg. auch mit den neuesten Forsch-ungen auf geognostischem und paläontologischem Gebietbekannt gemacht werden, so hätten wir doch gewünscht,daß der Einsender des Artikels, der bei der Mehrzahloer Leser keine eingehenderen paläontologischcn Kenntnissevoraussetzen darf, seinem Referat aus derViertcljahrs-schrift der naturforschendeu Gesellschaft in Zürich " einigeeinleitende und orientirende Bemerkungen vorausgeschickthätte über Eiszeit und Diluvium überhaupt und derenBedeutung für die Frage nach dem ersten Auftreten desMenschen auf der Erde insbesondere, sowie über denWerch oder Unwerth der von den Geologen wiederholtangestelltenBerechnungen" von Erd-Perioden. So aberwird ohne weitere Bemerkung dem staunenden Leser ein-fach die überraschende Mittheilung, daß man das abso-lute Alter der Eiszeit nun glücklichberechnet" habe,und der kurze Artikel schließt mit der noch verblüffenderenBekanntgabe, daß nach Pros. Schaaffhausen das Alterdes Menschengeschlechtes zu 15,000 Jahrenbestimmt"sei. Indem wir es dem Herrn Einsender überlassen,oem gewiß dafür dankbaren Leserkreis weitere interessanteMittheilungen über jene oben berührten naturwissen-schaftlichen Wissensgebiete darzubieten, können wir nichtunterlassen, vor einer allzu gläubigen Hinnahme der vonPros. Heim und Schaaffhausen angestellten Berechnungenzu warnen. Mit diesen geologischenBerechnungen" hates nämlich seine eigene Bewandtnis;. Wie unzuverlässigdieselben sind, das geht schon aus besagtem Referat selbsthervor, in dem von einer Menge kleinerer oder größererFehlerquellen die Rede ist und wo die Berechnungschwankt zwischen 10 50,000 Jahren. Wir fragen,welchen wissenschaftlichen Werth haben derartig schwan-kende, unzuverlässige Berechnungen? Beruhen sie dochgewöhnlich auf Voraussetzungen, die nicht zu beweisensind! Diese Rechnungen und nämlich nur dann zulässig,wenn mau voraussetzt, daß gewisse Kräfte (z. B. diedes Wassers) während der ganzen Dauer ihrer Wirkungdiese in gleichem Maße entfalteten, wie in derGegenwart. Das würde z. B. überall da, wo die Be-rechnungen auf den Wirkungen des Wassers beruhen,die Voraussetzung mit einschließen, daß die Menge desWassers stets dieselbe und ebenso auch, daß die von der

Bodenbeschaffenheit abhängigen Folgen der Thätigkeit desWassers unverändert die gleichen geblieben wären, alsoz. B. die Gesteinsbeschaffenheit, das Gefälle rc. MitRecht sagt daher Dawkins (in seinem Werk:Die Höhlenund die Ureinwohner Europas "):Jeder Versuch, dieabsolute Zeit vorgeschichtlicher Ereignisse zu bestimmen,muß nothwendig fehlschlagen, da er auf der unwahr-scheinlichen Annahme beruht, daß die Naturkräfte gleich-mäßig gewirkt haben und daß ihre Leistungen demnachals natürliches Zeitmaß dienen können. Wir haben keinenGrund, anzunehmen, daß die complicirten Bedingungen,welche heutigen Tages die Geschwindigkeit der Auswasch-ung bestimmen, während der ganzen Zeit dieselben ge-blieben sind, und die geleistete Arbeit ist demnach zwarein Maß für die verbrauchte Kraft, nicht:ber für die Dauer der Zeit, während der diesein Thätigkeit gewesen ist. Wir müssen daher den Ge-danken aufgeben, die jenseits des durch geschichtliche Ur-kunden bezeichneten menschlichen Gedächtnisses liegendeVergangenheit mit der geschichtlichen Einheit eines Jahreszu messen." In gleicher Weife spricht sich auch Zittelaus (Bilder aus der Urwelt"):Dem Geologen stehtzur Beurtheilung vorhistorischer Zeiträume hauptsächlichdie Mächtigkeit der vorhandenen Schichten als Maßstabzur Verfügung. Da jedoch die gleiche Menge von Sedi-ment in sehr verschiedener Geschwindigkeit und demnachin sehr verschiedenen Zeiträumen zur Ablagerung ge-langen kann, so fehlt derartigen Berechnungen jede zu-verlässige Grundlage."

Wenn Gelehrte wie Arcelin für dieselbe Periode(seit der jüngeren Steinzeit) 11,000, Gilliäron 6750und Stcenstrup nur 4000 Jahre annehmen, wenn wirferner bedenken, wie verschwenderisch früher die Paläonto-logen in ihren Berechnungen mit Jahrtausenden warenund wie sie allmählig hierin besonnener geworden sind,so wissen wir, wie viel wir den Berechnungen Heimsund Schaaffhausens trauen dürfen. Es soll nun, so wirdin dem Referat gesagt, sicher erwiesen sein, daß derMensch in der der letzten Verglctscherung vorausgehendenEpoche schon gelebt habe, also schon länger als 10,000Jahre Europa bewohnte (da ja nach Heims Berechnungmindestens 10,000 Jahre seit der letzte Eiszeit verflossensein sollen). Wir gestehen, daß wir höchst gespannt sind,von den sicheren Beweisen für das Auftreten desMenschen vor der letzten Eisperiode etwas zu erfahren,da doch bisher Reste jener Urbewohuer Europas immernur auf dem durch das Zurücktreten der Gletscher ge-bildeten Diluvial-Schutt gefunden wurden. Ob durchdie im Referat erwähnten Funde bei Taubach die bis-herigen Erfahrungen umgestoßen werden, darüber konntenwir uns leider bis jetzt nicht deS Nähern vergewissern.Das gleichzeitige Vorkommen von menschlichen Restenresp. Spuren menschlicher Thätigkeit mit Knochen vonBison, Hyänen und Höhlenlöwen ist nichts Ueberraschendesund durchaus kein Beweis für das intcrglaciale Auf-treten des Menschen. Dies könnte nur dadurch sicherbewiesen werden, wenn einmal menschliche Neste unterdem Diluvial-Schutt vorgefunden würden. Solange dasnicht constatirt ist, darf man trotz der BerechnungenSchaaffhausens das Alter des Menschengeschlechtes auf57000 Jahre annehmen.

Dr. Ludwig, Pfarrer.