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dem Euklidischen Parallelen-Axiom unabhängige, ein-wurfsfreie sogen, „absolute Geometrie" („Pangeometrie")gegründet. (Vgl. Klein, Nicht-Euklidische Geometrie ". —Frischauf, Absolute Geometrie. Leipzig. — Hagen , Syn-opsis der höheren Mathematik. Berlin . Bd. II. —Killing, Einführung in die Grundlagen der Geometrie.2 Bde.) Man unterscheidet eine hyperbolische (Lo-batschewsky), eine parabolische (Euklides) und eineelliptische Geometrie (Riemann). Legen wir dem Raumemit Riemann (Riemann, Abhandlungen der kgl. Gesell-schaft d. W. zu Göttingen . Bd. XIII)' ein constantesKrümmungsmaß bei, das einen positiven Werth hat, sowürden in einem solchen Raume die Theile einer end-lichen Quantität Materie, die sich mit endlichen constantenGeschwindigkeiten entfernen, niemals unendlich weitePunkte erreichen können. Dieselben müßten sich nachendlichen Zeitintervallen, deren Größe von der Ge-schwindigkeit der Bewegung und dem Krümmungsmaße desRaumes abhängt, wieder nähern und auf diese Weisependelartig periodisch kinetische Energie in potentielle beiAnnäherung und potentielle Energie in kinetische beiEntfernung verwandeln. Es ist ja bekannt, daß derEntdecker des Prinzips der Erhaltung der Energie amMeisten gegen die Anwendung des Gesetzes der Entropieauf das Universum remonstrirt hat. Und I. RobertMayer war nicht nur ein origineller Denker, sondernauch ein strenggläubiger Christ. (Vgl. Mayer, DieMechanik d. Wärme. Ausg. v. Wcyrauch. Stuttgart ,1893. S. 347 ff. und Weyrauch, Kleinere Schriften u.Briefe von Robert Mayer. Stuttgart 1893. Namentlichdas letztere Werk zeigt uns, von welcher Glaubensinnig-keit Mayer beseelt war.)
Die Entropie, auf das ganze Weltall angewendet,ist gar kein physikalisches Problem und gehört demtranscendenten Gebiete an, oder wie (Rüttler in seinerverdienstvollen Abhandlung „Die Entropie des Weltallsund die Kant 'schen Antinomien" sagt: „Entropie undWeltende sind in letzter Linie Probleme der sittlich-transcendenten Weltordnnng, sie sind durch die theoretischeVernunft nicht zu lösen, sondern gehören in das Gebietdes Vernunftglaubens und der religiösen Weltanschauung."(Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik.Halle 1891.)
Was die Frage über die Bewohnbarkeit der Himmels-körper anbelangt, so kann ich' verweisen auf meine im40. Bande der Zeitschrift „Natur und Offenbarung" er-schienenen Abhandlungen über „Physik der Planeten".
Was die Atmosphären der Planeten in unseremSonnensystem betrifft, so wissen wir darüber nichts Sicheres.Erst fortgesetzte spektrographische und photomctrtsche Unter-suchungen werden uns mit der Zeit Gewißheit hierüberverschaffen. Merkur kann trotz seiner großen Sonnen-nähe von Organismen bewohnt sein! Der Planst darfnur eine dichte Atmosphäre besitzen. Hütte unsere Erde keineAtmosphäre, so würde bei Tage furchtbare Wärme und beiNacht furchtbare Kälte unser Leben unmöglich machen. Icherinnere dann an die Grenzen des Lebens der Organismen,die natürlich nicht überall gleich sein müssen. Jeder, dermit dem Mikroskope schon gearbeitet hat, weiß, daßProtozoen nach Tagen oder sogar Jahren wieder auf-leben können, wenn man sie wieder in's Wasser bringt.Erst jüngst hat der Physiker Pictet durch Experimentegezeigt, daß Jnsecten noch eine Temperatur von — 28 ° 0,Myriapoden eine solche von — Roherträgen. Bakterien
bleiben noch lebensfähig, wenn sie einer Tem-peratur von — 213° 0 ausgesetzt werden.
Wir Menschen haben bekanntlich Augen, die vor»Standpunkt des Physikers und Physiologen aus sehrfehlerhaft gebaut sind. Ich erinnere an Farbenzerstreu-ung, Gefäßschatten, Fluorescenz der Cornea, Astigma-tismus, Lückenhaftigkeit im Gesichtsfelde u. s. w. (Vgl.Helmholtz, Physiologische Optik.) Alle diese Fehler habenFraunhofer, Clark, Steinheil, Abbe u. A. in den optischenInstrumenten corrigiren müssen. Warum sollte es aufHimmelskörpern nicht intelligente Wesen mit teleskopischoder mikroskopisch eingerichteten Augen geben? Welch einegroße Mannigfaltigkeit ist schon unter den Organismender Erde! Der Physiologe Exn er hat uns durch seineArbeiten die vielfach aus Krystallkegeln zusammengesetztenJnsectenaugen kennen gelehrt. Wie einfach ist das Augevon Euglena oder irgend eines Protozoen?
Bei mehreren Feuer-Boliden (Meteoriten) wurdedurch sorgfältige chemische Untersuchung das Vorhanden-sein einer kohlenstoffhaltigen Substanz, die mit demOzokerit Aehnlichkeit hat, nachgewiesen. Es ist fast un-zweifelhaft, daß diese Kohlenstoffverbindung organischenUrsprungs ist, da eigentlich die Organismen die Kohlen-stoffträger sind. Die für die meisten in den letztenJahren beobachteten Feuer-Boliden berech-neten hyperbolischen Geschwindigkeiten weisendarauf hin, daß die Boliden aus dem Fixstern-raum zu uns gelangen, und somit wären dieauf die Erde gefallenen Meteoriten Zeugendafür, daß auf den Körpern des Fixstern-raumes Organismen vorkommen.
Der anthropozentrische Standpunkt ist wissenschaft-lich nicht haltbar. Galilei ist der anthropozentrischenLehrmeinung zum Opfer gefallen. Für das Vorhanden-sein von Organismen auf den fernen Himmelskörpernist unter den Philosophen namentlich Lieb mann (vgl.Liebmann, Analysis der Wirklichkeit. Straßburg 1880.S. 400 ff.) und unter den katholischen Theologen Pohle(vgl. Bewohnbarkeit d. Sternenwelten. Köln . 2 Bde.)eingetreten. Für die „Himmels-Mechanik " und für dieAstrophysik hat diese Frage keine Bedeutung. „Das end-liche Ziel der theoretischen Naturwissenschaften ist, dieletzten unveränderlichen Ursachen der Vorgänge in der Naturaufzufinden. Es ist klar, daß die Wissenschaft, deren Zweckes ist, die Natur zu begreifen, von der Voraussetzung ihrerBegreiflichkeit ausgehen müsse." (Helmholtz, Erhaltung d.Kraft. Leipzig 1889. S. 4.) Jsaak Newton stelltals Hauptregel für die Erforschung der Natur auf: „AnUrsachen zur Erklärung natürlicher Dinge nicht mehr zu-zulassen, als wahr sind und zur Erklärung jener Er-scheinungen ausreichen." (Newton, krirroixiuxlriivsoxiriusuuturalis nurtdamutioa,. Ausgabe v. Wolfers. S. 380.)Die Bedeutung des Menschen in Bezug auf die Unsterb-lichkeit feiner Seele und in Bezug auf die Erlösung ge-hört nicht in die Wissenschaft des Natürlichen, sondernin die Wissenschaft des Ucbernatttrlichen.*)
") Das Buch Lorim'er'S „Das Buch der Natur" ist gänz-lich veraltet. In der Astronomie hat Lorinscr fast alles demepochemachenden Werke des ?. Secchi über „Die Sonne",Braunschweig 1872, entlehnt. Secchi war ein scharfsinniger,ideenreicher und vielseitiger Mathematiker und Astrophysiker;hätte er neben diesen schönen Eigenschaften auch die derGründlichkeit und Kritik besessen, so wäre er neben B essetder größte Astronom unseres Jahrhunderts.