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mit den Angaben Hemmerlins, mit der oben angegebenen !Urkunde und mit dem, was über die Entwickelungszeiteiner solchen Erfindung gesagt wurde, übereinstimmt, be-darf keines Beweises. Daß kein größerer Gebrauch vonder Erfindung gemacht wurde vor dem letzten Drittel des14. Jahrhunderts, läßt sich damit begründen, daß 1348der schwarze Tod durch das Land ging und 1356 imBreisgau und am Oberrhein die Zerstörung Basels durchein Erdbeben Entsetzen hervorrief. Solche Zeiten sindfür kriegerische Experimente und Unternehmungen nichtgeeignet. Uebrigens besitzen wir einen genauen geschicht-lichen Nachweis, daß die Freiburger Bürger zu den erstengehörten, die in Deutschland Gebrauch von der Erfindungmachten. In derFreyburgischen Chronike" des Jakobvon Königshoven heißt es vom Jahre 1366:Darnachbelagerten die burger von der Stadt Freyburg die Burgund das Schloß Burghalden dem Graf mit Dreyenlagern und stets hinaufschiessend." Endlich wissen wir,daß diese Stadt durch ihre Büchsenmeister und ihrBüchsenzeug" renommirt war und daß die benachbartenweit größeren Städte Basel und Straßburg ihrendesfallsigen Bedarf in Freiburg deckten. Aus all diesemfolgt, daß im Ernst von keiner andern Stadt in Deutsch-land als von Freiburg als der Geburtsstätte des Pulversund seines Erfinders gesprochen werde» kann. Diesesmöchten wir noch anführen, daß Berthold nicht, wie ge-wöhnlich angenommen wird, durch Zufall feine Erfindunggemacht hat. Die meisten älteren Chronisten behaupten,daß er durch Studium und Experimente, aufgeistreiche"Art, durch Scharfsinn, wie Hemmerlin sagt, darauf ge-kommen sei. Der bedeutendste Chronist der Franzis-kaner, LucaS Wadding , schreibt:Berthold habe langePhilosophie studirt und dabei gelernt, daß nicht zweiKörper in demselben Raum sein könnten, und daß Feuermehr Raum brauche als Erde. Darum habe er Schwefelund Salpeter pulverisirt und in einem geschlossenen Ge-fäß an's Feuer gestellt, worauf das Gefäß zersprengtworden. Erstellt hierüber, habe er angefangen, dasSchießpulver rationell anzufertigen und anzuwenden, undhabe zuerst Baumstrünke mit Pulver gesprengt und dannerst mit hölzernen und endlich mit eisernen Röhren ex-perimentirt und Steine und Orgeln aus denselben ge-worfen." Berthold war also ein Naturforscher undChemiker oder, nach dem Sprachgebrauchs jener Zeit,ein Alchimist, dessenPulverküche" man noch heute hinterdem alten Kreuzgang von St. Martin zeigt.

Und wie lohnte ihn die Welt dafür? Daß er vonseinen Ordensgenossen ob seinerTeufelskünste" wahr-scheinlich eingesperrt wurde, haben wir schon gesagt.Forcatulus nennt ihn einenMönch und Faulenzer,weil nur aus dem Müßiggänge alles Böse komme".Ein Chronist, Erich Adalar, meint:Büchsen mit Kraut(Pulver) und Lot (Blei) sind erfunden durch einenMönnich: Wie das Werk ist, so ist auch der Meister ge-wesen, nämlich ein feuerspeiender Drach." Selbst dermilde" Philipp Melanchthon nennt den ErfindereinenMünch, Diener und Gehülfen des Teufels", und Buschberichtet, daß die Obrigkeit von Ostfriesland 1379 habeBussen (Büchsen) Inten soluneäen unä Zseten (gießen),änt inooräelist instruvaent, äoor (durch) äes Havels(Teufels) Onxellnn erkunäen."Die schlechteste, diegefährlichste und die fluchwürdigste" aller Erfindungenwurde, wie Opmerius meint,zum Verderben vielerSterblichen gemacht", was ihm heute noch jedermann be-stätigen wird.

Der berühmte Dichter Ariost hält seinen folgendenSpruch fürgediegen":

Von den verruchten Geistern allzumalWar keiner böser, noch im Frevel dreister,

Als dieser greulichen Erfindung Meister.

Und daß dafür ihn ewige Rache quäle,

Hat in den tiefsten Abgrund Gottes Hand

Das glaub' ich sicher die verruchte SeeleZu dem verruchten Judas hingebannt."

Faber Stapulenfis (1- 1526) meint menschenfreund-lich,es wäre den Sterblichen gut gegangen, wenn derErfinder beim ersten Versuche verbrannt wäre". Nocheine Reihe von Schriftstellern und Dichtern schließen sichdiesem Wunsche an und sind darin einig, daß am bestender Urheber der Kanone zuerst erschossen worden wäre.Noch eine Belohnung haben die Schriftsteller frühererZeit für den armen Berthold. Jalofsky meint, es wäreeine Art Belohnung für den Erfinder des Pulvers ge-wesen, daß sein Name für immer ein Geheimniß blieb,damit er nicht zu allen Zeiten von allen Sterblichen ver-flucht würde. Der spanische Kapitän Diego Uffano,Commandant der Citadelle von Antwerpen zu Anfangdes 17. Jahrhunderts, sagt:Und kompt diese teuffelischeinvsntion her von einem vorwitzigen Münch DeutscherNation, einem sonderlichen Philosopho oder Alchymisten,deßen Namen zu seinem Vnglück gleichsam von allen beyallen verschwiegen wird." Wir wissen nun, warum derName des Erfinders so lange geheim gehalten wurde,damit ihm nicht zu allen Zeiten von allen Menschengeflucht werde", und begreifen nun auch, warum dieOrdenschronisten so lange schwiegen und die etwa vor-handenen Aufzeichnungen möglichst bald vertilgt wurden?)Von dem gläubigen Volke und der Priesterschast wurdedie Erfindung als im Bunde mit Dämonen entstandenverdammt, und dieGelehrten" und Ritter der erstenJahrhunderte nach Berthold glaubten dies auch, ver-warfen sie aber ganz besonders, namentlich die letzteren,weil sie dem Mannesmuth Eintrag thue.

Diesem Gefühl gibt Ariost Ausdruck, wenn er fingt:

Gib, armer Krieger, gib der Schmiedezange

All' deine Waffen hin, bis auf das Schwert;

Die Flint' und Büchse sei dafür genommen!

Sonst wirst du wahrlich keinen Sold bekommen.

Wie hast du Raum in Mcnschenbrnst gefunden,

Erfindung, voll des Frevels und der Weh'n?

Durch dich ist Waffendienst der Ehr' entbunden,

Durch dich niuß Kriegesruhm zu Grunde gch'n.

Durch dich so weit sind Kraft und Muth geschwunden

Scheint Wackern oft der Schlechte vorzugeh'n.

Durch dich sind Stärk' und Hcldensinn enthoben

Der Möglichkeit, im Feld sich zu erproben."

Dasselbe behauptet M. T. Alpinus; nachdem er dieWirkung der Geschützkugel geschildert, daß siealles dessie vor jr findt, zerschütets, zertrennets, zerbrichts, vndzerknütschets so gar, das gantz kahn ort ist, wiewol vonnnatur gantz wol bewaret, des nit leichtlich erkriegt magwerden," fährt er fort:Darauß ists verfolgt, vnd darzukommen, das alle krafft der fußknechten, aller glantz odereer der raysigen, vnd zum leisten, die gantz kriegerischedapfferkayt, daran stehet, ligt vnd fault."

Aber auch Lob erhielt der Erfinder des Pulversund des Geschützes, wenn auch spät und sehr vereinzelt.

*) Uebrigens gab es bald einzelne Mönche, die gute Ar-tilleristen waren. So berichtet Gram, daß im Jahre 1469 einAugustiner-Eremit den Kurfürsten von Brandenburg von derBelagerung von Ukermynde abtrieb durch seine vortrefflicheBedienung des Geschützes. Eines Tages schoß er dem Kur-fürsten den Tisch sammt dem Essenvor dem Maul" weg.