291

und auch dem Stadtbilde Münchens nicht zur Zierde ge-reicht. Welche Form die inneren freistehenden Stütz-pfeiler im Mittelalterbaue gehabt, läßt sich heute schwerfeststellen, wo um den inneren quadratischen Kern vonsiebenzig Centimeter Seite je vier Pilaster mit achtzehnCentimeter Ausladung angebracht wurden und alles unterdickem Verputze nebst weißer Tünche steckt. Auch dasganze Acußere ist durch Verputz und Anstrich des monu-mentalen Charakters beraubt, den man heute noch beimunverhüllt gebliebenen Backstein-Rohbau sowohl derFrauenkirche wie der Sanct Salvatorkirche in München wahrnimmt, was jeden Freund der vaterländischen Kunst-denkmäler so überaus wohlthuend berührt. Wie die SauetMarienkirche Ettals in ihren Haupt-Strukturtheileu einQuadersteinbau gewesen, so dürfen wir wohl ebenso fürdie in demselben vierzehnten Jahrhunderte entstandeneHeiliggeist-Kirche den Sandstein annnehmen, welcher jaauch bei der Sanct LaurentiuS-Kapelle im alten Hofereichlichste Verwendung gefunden, wie die im BayerischenNationalmuseum vorhandenen Baureste und das merk-würdige Relief mit Kaiser Ludwig und seiner zweiten,ihm 1323 vermählten Gattin, Margaretha von Holland,darthun.

Der mit Kaiser Ludwigs des Bayern Unterstützungvollführte Neubau der Heiliggeist-Kirche Münchens wirktedurch die Eigenart feiner Grundrißbildung anregend, undda finden wir zunächst die Bischofsstadt Bamberg , wo mandie obere Pfarrkirche zu Unser Lieben Frauen in der Zeitvon 13271387 im ausgedehnten Chöre als Basilikamit fünf Seiten des Achteckes im Mittelschiffe schloß undden Umgang aus neun Seiten des Sechzehneckes mitnach innen gezogenen Strebepfeilern zur Ausführunggebracht hat. Aus dieser Beschreibung erhellt, daß derinnere und äußere Schluß des Sanctuariums vollständigmit dem der Heiliggeist-Kirche zu München übereinstimmt,wir haben den nämlichen Grundriß, nur der Aufbau istverschieden, in Bamberg eine Basilika und in München eine Hallenkirche. Der Vamberger Chorumgang hat diefünf quadratischen Joche und die vier dreieckigen Jocheganz wie Münchens Heiliggeist-Kirche; fragen wir hicfürnach einem Vorbilde der frühgothischen Baukunst, so seidie Sanct Julius-Domkirche zu Le Mans im DepartementSarthe in ihrem äußeren Chorumgange aus dem drei-zehnten Jahrhunderte angeführt, eine fünfschisfige basili-kale Anlage, auch hier wechseln quadratische mit drei-eckigen Jochen ab.

Wie Heiliggcist in München im Laufs des vier-zehnten Jahrhunderts als dreischisfige Hallenkirche mitChorumgang erbaut wurde, so hat man auch von 1398ab in Heidelberg am Neckar die der dortigen Universitätals Gotteshaus und Bibliothek dienende Heiliggeist-Kirchein ganz gleicher Anlage zur Ausführung gebracht, hiertragen hochschlanke Sandstein-Säulen den aus fünf Seitendes Achteckes hergestellten Jnnenraum und den ebenso ge-stalteten gewölbten Chorumgang. Im fünfzehnten Jahr-hundert entstand auch in Landshut ein Gotteshaus zumheiligen Geist, wie in München und Heidelberg eine drei-schisfige gewölbte Hallenkirche mit Chorumgang, der Jnnen-raum ist hier mit zwei Seiten des regelmäßigen Sechs-eckes und der äußere Umgang mit fünf Seiten des Zwölf-eckes geschlossen.

Wer Kaiser Ludwig vem Bayern und den von ihmberufenen tüchtigen Künstlern ganz gerecht werden will,der muß auch alle die Baudenkmäler in den Kreis derBetrachtung ziehen, welche Dank seiner Anregung ent-

standen und die ein glückliches Schicksal in der ursprüng-lichen Formengebung erhalten hat, was leider weder inEtta! bei der dortigen Marienkirche, noch bei Heiliggeistin München der Fall ist, wie ebenda des Kaisers schöneHofkapelle zu Sanct Laurentius im Jahre 1816 unver-antwortlicher Weise zerstört worden ist.

Der dritte internationale Congreß für Psychologie.

Von Charles Saint-Paul.

(Schluß.)

Trotzdem man occultisttsche Themata aus dem Pro-gramm des Congresses möglichst aussondern wollte, hatman doch einem angemeldeten Vortrage über die Medienvon Th. Flournoy (Genf ), betitelt^uelgues istitsci'imaZinuticm vubliuriualö diea las urscliuras", inFolge seines etwas skeptischen Charakters Aufnahme ge-währt. Derselbe ist der Ansicht, daß die erstaunlicheschöpferische Einbildungskraft bei gewissen Medien psycho-logisch deren Annahme rechtfertigen könne, das; sie Werk-zeuge fremder Einwirkung sind. Diese subliminale Thätig-keit könne sich derart ausdehnen, daß sie in keiner Weiseder Neflexionsarbeit und compositioncllen Thätigkeit desDenkers oder Romanciers nachstehe. So hat FlournoyZ. B. gegenwärtig Gelegenheit, eine junge Frau zu be-obachten, die seit einem Jahre von Zeit zu Zeit philo-sophische Fragmente dictirt, die voll von gelehrten Aus-drücken sind, welche sie nicht kennt und auch nicht kennenkann; diese Fragmente, die ihr im Wachzustands scheinbareingegeben werden, verketten sich derart, daß sie einmetaphysisches Werk bilden, dessen Ideen die Dame wohlkaum aus anderer Quelle geschöpft haben kann. Flournoyhat auch, wie er behauptet, bei andern Medien viele Fällebeobachtet, die gleichfalls eine konstruktive subliminaleImagination von erstaunlicher Ueberfülle kundgeben.Diese schöpferische Originalität, die mit der automat-ischen Negularität der gewöhnlichen hysterischen Vorfällecontrastirt, erfordert, wie er glaubt, daß man die Me-dien in eine eigene psychologische Klaffe einreiht, obgleichsie im höchsten Grade die permanente und vollständigeSpaltung der Persönlichkeit" ausweisen, in der PierreJanet den essentiellen Zug der Hysterie im Allgemeinenerkennt.

Ins Gebiet des Spiritismus (Geisterphotographien!)scheint auch die Mittheilung des Dr. Hipp. Baraduc (Paris )über die fluidische Atmosphäre des Menschen (st,'Ltnro-tiuiäiHus äs l'lroniE) hineinzureichen. Er be-hauptet, durch Versuche erwiesen zu haben, daß die Photo-graphische Platte durch den Menschen ohne Contact, ohneSonnenlicht, Elektricität, Objectiv, durch seine eigene per-sönliche Vibration, durch das, was man sein Lebenslicht,das Licht feiner lebenden Seele nennen könne, beeindrucktwerden kann. Er besitze 200 Clichäs, die durch dieseVibrationen in der Dunkelheit beeindruckt worden seien.Seine Ausführungen sollten noch genauer geprüftwerden.

Was das noch immer vielumstrittene Gebiet deSGedankenlesens anbelangt, so haben mehrere hervor-ragende Fachmänner während des Congresses ihre Forsch-ungen auf demselben klargelegt.

Bemerkenswerth war der Vortrag, den ProfessorSommer (Gießen ) überEine graphische Methode desGedankenlesens" hielt.

Dieselbe wird durch einen von ihm sehr sinnreichconstruirten Apparat (Psychograph) ermöglicht. Da daS